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Predigt über Jesaja 50,4-9 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 14.04.2019

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Gott der HERR hat mir die Zunge eines Schülers gegeben, damit ich den Müden zu helfen weiß mit einem Wort. Er weckt auf, Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr, damit ich höre wie ein Schüler. Gott der HERR hat mir das Ohr aufgetan, und ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen.

Denen, die schlugen, habe ich meinen Rücken dargeboten, und meine Wangen denen, die mich an den Haaren rissen, gegen Schmähungen und Speichel habe ich mein Angesicht nicht verdeckt.

Gott der HERR aber steht mir bei! Darum bin ich nicht zuschanden geworden. Darum habe ich mein Angesicht wie Kieselstein gemacht, ich wusste, dass ich nicht in Schande geraten würde.

Er, der mir Recht schafft, ist nahe! Wer will mit mir streiten? Lasst uns zusammen hintreten! Wer ist Herr über mein Recht? Er soll zu mir kommen!

Seht, Gott der HERR steht mir bei, wer ist es, der mich schuldig sprechen will? Seht, wie ein Gewand zerfallen sie alle, Motten fressen sie.

 

Wer ist das, liebe Gemeinde? Wer redet da? Einer, der‘s Maul aufgemacht hat. Einer, dem sie übel mitgespielt haben, den man misshandelt und geschlagen hat. Einer, der sich im Recht fühlt. Einer, der sich und seines Gottes sicher ist.

Wer ist das? Wer redet da?

Der Text sagt es nicht und der Kontext gibt es auch nicht her. Es ist offen. Ich glaube, es ist bewusst offengehalten. Damit wir mehrere Möglichkeiten haben, diesen, der so spricht, zu identifizieren.

Ich mache mehrere Vorschläge.

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Der erste Vorschlag: Hier redet ein Prophet.

Das ist ein naheliegender Vorschlag, denn das Stück stammt aus dem Buch des bekanntesten Propheten, aus Jesaja. Allerdings sind sich die Exegeten einige: Es ist nicht der Original-Jesaja. Es könnte eine Art Schüler oder Jünger von ihm sein, der hier spricht. Klar ist: Die meisten Propheten, die es in die Bibel geschafft haben, waren nicht die freundlichsten, gefälligsten und angenehmsten Menschen. Sie haben das Establishment kritisiert, manchmal das politische, manchmal das religiöse, manchmal das wirtschaftliche, manchmal alle drei. Bisweilen auch die ganze Gesellschaft. Sie wurden verfolgt. Ein Rechtsstaat war Israel damals noch nicht. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gab es nicht. Aber wem Gott höchstpersönlich das Ohr weckt, der äußert ja auch nicht nur seine Meinung, sondern Gottes Wort. Das will nicht jeder hören, auch nicht alle, die sich gern im Tempel oder in der Kirche zeigen.

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Zweiter Vorschlag: Hier redet Israel.

Manche sagen, die Person, die hier redet, sei gar nicht eine einzige Person, sondern Israel, also ein Kollektiv. Nicht der Staat Israel, sondern das biblische Israel, das zwar einerseits eine fiktive oder theologische Größe ist, andererseits allerdings auch eine Gesellschaft echter Menschen. Dieses Israel, das von Gott erwählte Volk, wurde von Anfang an von den anderen Völkern bedrängt und bekriegt, geringgeachtet und verleumdet, erobert, vertrieben und immer aufs Neue der Vernichtung preisgegeben. Israel, das Volk, das für andere Völker leidet, dem aber Gott auch durch sein Leiden hindurch besonders nahe ist und an dem alle anderen Völker lernen sollen: Was Gott erwählt hat, ist ihm lieb. Dem bleibt er treu, das gibt er nicht preis.

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Nächster Vorschlag: Jesus Christus

Palmsonntag. Palmzweige brachen die Menschen von den Bäumen in Jerusalem und legten sie auf den Weg. Ein grüner Teppich für den, der jetzt kommt. Wie ein König reitet er in die Stadt ein. Nur nicht auf einem stolzen Ross, sondern auf einem zotteligen Esel.

Mit Palmsonntag, liebe Gemeinde, werden wir auf die Karwoche eingestimmt, vorbereitet auf, das was kommen muss.

Jesus ist eine öffentliche Figur. Nun wird er zum Politikum. König für die einen, Scharlatan für die anderen. Prophet für die einen, Aufrührer für die andern, Messias für die einen, politischer Risikofaktor für die andern.

Im Macht- und Überlebenskampf zwischen Juden und Römer wird er zerrieben, angeklagt, verspottet, gefoltert, hingerichtet.

Denen, die schlugen, habe ich meinen Rücken dargeboten, und meine Wangen denen, die mich an den Haaren rissen, gegen Schmähungen und Speichel habe ich mein Angesicht nicht verdeckt. Gott der HERR aber steht mir bei!

Hier spricht Christus. Seit jeher haben Christen in der Person, die hier redet und ihr Leiden öffentlich macht, Christus gesehen.

Aber Jesus Christus steht nie nur für Jesus Christus. Er steht immer für andere. Er steht auch immer für andere ein.

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Deshalb ein weiterer Vorschlag.

Es ist ein Mensch, dessen Namen uns genauso unbekannt ist, wie der Name des Menschen, der hier, in diesem biblischen Text, redet. Sagen wir, es ist eine Frau, vielleicht ist sie Journalistin. Vielleicht sitzt sie im Gefängnis in einem Land, in dem man schnell zu einem Terroristen wird, es genügt schon festzustellen, dass dieses Land kein Rechtsstaat ist oder die Menschenrechte missachtet. Weil sie es gesagt hat, sitzt sie im Gefängnis. Vielleicht auch, weil sie sich geweigert hat, einen Schleier auf der Straße zu tragen. Oder weil sie eine christliche Kirche besucht hat und einen Tweet, nur wenige Zeilen über die Unterdrückung der Religion in diesem Land geschrieben hat. Sie sitzt im Gefängnis und fragt sich, warum sie ihren Mund nicht halten kann, wenn sie auf der Straße ist, und warum sie ihre Finger nicht stillhalten kann, wenn sie vor einem Computer sitzt. Andere können es doch auch, für sich behalten, was sie denken. Aber sie kann es nicht. Sie ist nicht wie die anderen. Sie weiß nicht warum, sie findet keine Antwort. Nur eine fällt ihr ein: Gott will es wohl so. Er lässt mir keine Ruhe, er weckt mich aus schlaflosen Nächten und sagt mir seine Worte ins Ohr. Aber ist das eine Antwort?

Wir kennen den Namen dieser Frau nicht. Vielleicht gibt es sie ja gar nicht. Doch, es gibt sie, sicher gibt es sie. Und wir werden ihren Namen noch kennen lernen. Denn in einem ist die Welt in den letzten Jahrzehnten wirklich besser geworden: Man kann unliebsame Elemente nicht mehr so einfach mundtot machen, verhaften, foltern und verschwinden lassen. Das Unrecht hat es immer schwerer bestehen zu bleiben. Es kommt ans Licht. Die Welt ist aufmerksam geworden. Sie hat die technischen Mittel dazu und sie hat immer mehr Courage, die Menschen ans Licht einer weltweiten Öffentlichkeit zu holen, die wegen ihres Einsatzes gegen das Unrecht verfolgt werden.

Wir werden also den Namen der Frau, die hier redet, noch kennenlernen.

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Mein letzter Vorschlag. Hier redet jeder. Jeder, der beleidigt wird. Jeder, der bespuckt wird. Jeder, der gemobbt wird. Jeder, der niedergemacht wird. Jeder, der missachtet und verachtet wird.

Und wer immer sich angesprochen fühlt, wer immer glaubt, er darf hier gemeint sein, der muss auch das andere mitsprechen, das der Namenlose spricht, der darf nicht nur klagen, der darf auch hoffen.

Gott der HERR aber steht mir bei! Darum werde ich nicht zuschanden werden. … Er, der mir Recht schafft, ist nahe! … Seht, Gott der HERR steht mir bei, wer ist es, der mich schuldig sprechen will?

Gott steht denen bei, die Unrecht leiden. Gott ist ihr Anwalt. Gott verteidigt sie. Gott selbst ist ihr Fürsprecher.

Jeder Mensch, dem übel mitgespielt wird, sieht sich angeklagt und verurteilt. Wie oft schon hast du dich beschuldigt und verurteilt gefühlt und nachts wach gelegen und dich innerlich gerechtfertigt? Nur leider hat es keiner gehört. Hoffentlich wenigstens der, der mir morgens selbst das Ohr weckt.

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Und wenn der Prozess scheitert? Wenn sich das Recht nicht durchsetzen kann gegen die Macht? Wenn sich die Gerechtigkeit nicht durchsetzen kann gegen den Zynismus? Wenn es ausgeht wie auf Golgatha am Karfreitag? Was dann?

Das letzte Wort ist da noch nicht gesprochen. Das letzte Urteil ist da noch nicht gefällt. Der Anwalt wird in Berufung gehen. In der letzten Instanz wird der auf dem Richterstuhl sitzen, der selbst unschuldig war und verurteilt wurde, der das Recht Gottes zu den Heiden trug und dem Unrecht der Heiden erlag, der für alle stand, denen Unrecht wiederfuhr, und für alle starb, die schuldig wurden. Der wird Richter sein, Jesus Christus, der weiß, was Wahrheit ist, und unter der Lüge litt, der sagt, was Recht ist und durch das Unrecht starb. Der all das kennt, der wird am Ende Richter sein. Das ist die Hoffnung aller, die Unrecht leiden.

Amen.