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Predigt über Jes 35,3-10 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 09.12.2018

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Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.

Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; und die Toren werden nicht in die Irre gehen.

Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.

Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Advent, liebe Gemeinde, er kommt. Advent heißt: Er kommt. Gott kommt. Freut euch, jubelt laut, werft die Arme hoch, wenn ihr noch könnt, lacht und tanzt, wenn ihr nicht schon zu schwach seid. Gott kommt. Endlich, ihr hattet die Hoffnung schon aufgegeben, ihr glaubtet euch schon vergessen von Gott und der Welt. Aber Gott hat euch nicht vergessen. Gott kommt. Jetzt kommt er. Da ist er! Seht, Gott kommt zur Rache.

***

Und dann sieht man in der Ferne Menschen kommen, viele Menschen, Hebräer, durch die Steppe kommen sie in einem langen Zug nach Westen, Richtung Zion, Richtung Jerusalem; irgendwo hinterm Horizont in ihrem Rücken liegt Babylon, die große Stadt, die nun eingenommen wurde vom Perserkönig Kyros wie einst Jerusalem eingenommen wurde vom Babylonier Nebukadnezar. Und man sieht andere Menschen in der Ferne kommen, tausende Frauen, Kinder, alte Männer, vom Berg Sindschar herunter, nachdem ihre Peiniger vom IS vertrieben worden sind. Und dann sieht man von allen Bergen im kalten Nordkorea Menschen kommen, Hunderttausende in die Ebenen herabziehen, armselige, ausgemergelte Gestalten. Und dann sieht man aus den KZs Menschen kommen, die Überlebenden von Auschwitz und Dachau, Hunderte, man sieht Menschen, die gar keine Menschen mehr sind und die nicht mehr gehen können, obwohl die Soldaten mit dem roten Stern die Tore geöffnet haben und die Peiniger mit dem Totenkopf vertrieben haben. Und man sieht einen Zug Befreiter aus den Gulags, Tausende auf langen Wegen die sibirischen Steppen entlangkommen.

Menschen werden verschleppt, Menschen werden interniert, Menschen werden gefangen  gehalten, in Arbeitslager gesteckt, drangsaliert, gefoltert, vergewaltigt, geschunden, weil sie erobert wurde, weil sie eine andere Meinung hatten, weil sie einen anderen Glauben hatten, weil sie einer angeblich minderwertigen Rassen angehörten, weil sie behindert sind, weil, weil , weil. Menschen sind erfinderisch, wenn es darum geht, andere Menschen zu vernichten.

Und dann wendet sich das Blatt der Geschichte, dann werden die Eroberer erobert, dann werden die Diktatoren gestürzt, dann werden die Gefangenen befreit, dann ziehen aus ihren Lagern, ziehen in die Freiheit, ziehen durch Steppen und durch Wüsten. Sie sind frei, weil ihre Feinde besiegt, ihre Peiniger erniedrigt wurden. Das ist das Wunder, an das sie nicht mehr glaubten. Sie sehen Gott. Den Gott, an den sie nicht mehr glauben konnten. Mit einem Mal sehen sie ihn. Er kommt – ihnen entgegen, er ist gekommen zur Rache, zur Vergeltung. Für die Erlösten ist das ein Grund unendlicher Freude.

***

Liebe Gemeinde, ich höre den Text eines alten Propheten und sehe elende, aber befreite Menschen in einem langen Zug daher kommen. Mich selbst sehe ich in keinem der langen Züge elender Menschen. Und auch keinen von euch sehe ich da. Ich höre einen alten Text und der ruft auch mir zu: Sieh, da ist dein Gott! Und ich höre, er komme zur Rache. Ich stutze und bin ein wenig irritiert und sehe, wie auch ihr stutzt und ein wenig irritiert guckt.

Dieser Text ist nicht mein Text. Ich war in keinem KZ und nie im Gulag, ich bin nie gefangen gehalten, gequält und gefoltert worden. Gott sei Dank! Wegen mir muss Gott nicht kommen, um Vergeltung zu üben an meinen Peinigern, denn es gibt keine Menschen, die mich gepeinigt hätten. Und ich vermute, dass es euch allen, oder zumindest den allermeisten von euch hier nicht anders geht. Gott sei Dank!

Aber ich bin auch nicht der Maßstab aller Dinge, wir sind nicht der Maßstab aller Dinge.

***

Advent. Wochen der Erwartung. Was erwarte ich von Gott? Advent. Gott kommt. Was für ein Gott soll kommen? Was soll er mir tun?

Gott kommt. Für mache kommt er als Befreier. Es gibt auch heute noch viele Menschen, die zu unrecht gefangen gehalten, gepeinigt und gequält werden. Gott wendet das Blatt, er befreit die Unterdrückten, er kommt und vergilt das Unrecht. Denen solches Unrecht geschah, geschieht Recht mit Vergeltung. Aber nicht sie selbst nehmen Rache. Die Vergeltung ist die Sache Gottes. „Die Rache ist mein, spricht der Herr, ich will vergelten.“ (Röm 12,19, Dtn 32,35)

Gott kommt und befreit die Gefangenen und verschafft ihnen Recht.

Und wie soll Gott zu uns kommen, zu uns, die wir in einer relativ freien Gesellschaft leben, die wir in einem Rechtsstaat leben, die wir in relativem Wohlstand leben? Wie soll Gott zu uns kommen? Was soll er an uns tun?

Wir haben noch gut zwei Wochen Zeit, uns das zu überlegen. Advent, Zeit, unsere Erwartungen zu prüfen, bis dass er kommt.

Amen.