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Predigt über Geert Groote (Pfrin. K. Oxen) vom 16.10.2016

Ein Regal voller Bücher

Predigt über Geert Grote und die Devotio moderna

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Es ist ein heißer Spätsommersonntag. Und einer von den Tagen, an denen man endlich mal zu dem kommt, wozu man sonst nicht kommt. Statt mit einem Buch im Garten zu sitzen, machen wir uns also gemeinsam, innerlich seufzend, über die beiden rechteckigen Pakete her. Mit einer gewissen Ergebenheit studieren wir die Anleitung. Dies ist ja nicht das erste Mal für uns. Wir wähnen uns beinahe fertig, als wir feststellen, dass die Bohrungen dieser oberen Querstrebe doch die Bohrungen der unteren Querstrebe sein müssen. Schweißtropfen auf unserer Stirn, ein Moment gefährlicher Stille und unausgesprochener Schuldzuweisungen. Dann schicken wir uns hinein, bauen alles zurück, bauen erneut auf. Dann steht das Regal.

Ich räume die Bücher ein, die sich im Zimmer der Jüngsten eingefunden haben. Vorher haben sie in den Zimmern der älteren Geschwister gewohnt. Und einige von ihnen sind schon aus meinem eigenen Kinderzimmer hergezogen. Michel aus Lönneberga. Pu der Bär im 160-Morgen-Wald. Jedes Buch eine ganze Welt.

In manchen dieser Welten wohne ich schon lange. Da stand ich dann wartend an der Tür und habe mich auf den Moment gefreut, in dem meine Kinder sie betreten werden. Einige Welten haben wir gemeinsam entdeckt. Und es gibt auch welche, da sind meine Kinder alleine, ohne mich, in Hogwarts zum Beispiel oder im Auenland.

Ein Regal voller Bücher in einem Kinderzimmer. In der Welt, in die Geert Grote vor fast 700 Jahren, im Oktober 1340 hineingeboren wird, gibt es gar keine Kinderzimmer. Und Bücherregale auch nur sehr wenige. Alle Bücher dieser Zeit sind Handschriften, sorgfältig und mühsam abgeschrieben mit Tinte und Feder auf Pergament, kostbar verziert mit Farbe und Gold. Es gibt wenige davon und deswegen auch wenige Menschen, die überhaupt lesen und schreiben können.

Der kleine Geert aus der Stadt Deventer in den Niederlanden wird zu ihnen gehören. Sein Vater ist ein angesehener Ratsherr, der für eine gute Schulbildung seines Sohnes an der Lateinschule sorgt. Doch als Geert zehn Jahre alt ist, sterben beide Eltern an der Pest. Er wächst bei einem Onkel auf. Die Schule besucht er trotzdem weiter. Er ist so begabt, dass er als 15jähriger aus den Niederlanden nach Paris geht, um an der Sorbonne zu studieren. Nach seinen Studien bekommt er gleich zwei lukrative geistliche Ämter, in Aachen und Utrecht. Das ist nur möglich, weil er weder hier noch dort als Priester arbeitete, sondern stattdessen, wie er es selber später drastisch beschreibt „ auf allen Hügeln und unter allen Bäumen herumhurt“. Mit Mitte dreißig etwa lässt er dieses Leben hinter sich. Er schließt sich einer Gemeinschaft von Mönchen an, liest und studiert weiter.

Später wird er zum Bußprediger. Jetzt kritisiert er scharf, was er selbst einmal gelebt hat: Die sexuellen Ausschweifungen der Geistlichen. Die kirchlichen Strukturen, die vor allem persönliche finanzielle Vorteile für die bedeuten, die ein Amt in dieser Kirche bekommen können. Er verschenkt sein Elternhaus in Deventer an eine Gruppe bedürftiger Frauen. Eine Gemeinschaft der „Schwestern vom gemeinsamen Leben“ entsteht daraus. Später kommen die „Brüder vom gemeinsamen Leben“ dazu. Vor der Synode in Utrecht hält er eine so scharfe Bußpredigt gegen die Geistlichen, dass er sich ein Predigtverbot einhandelt. Noch bevor die Gültigkeit dieses Verbots beim Papst in Rom geklärt werden kann, stirbt er an einem heißen Spätsommertag 1384 an der Pest, wie einst seine Eltern. Er hatte einen kranken Freund besucht und sich dabei angesteckt.

Wenn die Lebensgeschichte von Geert Grote ein Roman wäre – ich weiß nicht, ob ich mir den ins Regal stellen würde. Der Abstand der Jahrhunderte macht sich doch bemerkbar. Seine Geschichte scheint mir so schematisch und vorhersehbar. Schon tausend Jahre vor Geert Grote hatte der Kirchenvater Augustin seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Und bei ihm ist es ganz genau so: Er beschreibt das ausschweifende Leben eines privilegierten jungen Mannes, dann eine Lebenswende und anschließend ein Leben abgewandt von der Welt und ganz auf geistliche Dinge konzentriert. „Ächz“, denke ich. Abgesehen davon, dass, wie bei fast allen Bekehrungsgeschichten, die Zeit vor der Bekehrung eindeutig die interessantere ist - mit meinem Leben hat das nicht viel zu tun.

Aber dann denke ich an das Regal voller Bücher im Kinderzimmer, vor allem in meinem eigenen. Und ich erinnere mich an das, was mir geschehen ist, als ich lesen gelernt habe. Wie sich mit jedem Buch eine Tür geöffnet hat in eine eigene Welt. Und ich gespürt habe: Es gibt eine andere Wirklichkeit als die, die mich umgibt. Und was ich dort erfahre und erlebe, verändert mich, auch noch, wenn ich das Buch gelesen und ins Regal zurück gestellt habe.

Geert Grote, der begabte junge Mann aus Deventer, hat nach seiner Lebenswende einige Dinge nicht mehr getan. Und es gab etwas, das er weiter getan hat. Vielleicht, weil es das war, was ihm damals schon Halt gegeben hat, dem zehnjährigen Jungen, der seine Eltern verloren hatte. Weiter zur Schule gehen, lesen, schreiben, studieren. Die Welt hinter dieser Welt suchen.

Weil er möglichst vielen Menschen seiner Zeit einen Zugang zu dieser Welt verschaffen wollte, übersetzte er die Texte des im Gottesdienst verwendeten Meßbuchs ins Niederländische. Und weil das meistens biblische Texte waren, übersetzte er damit auch schon Teile der Bibel. So konnte jeder einen Zugang bekommen zu den Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben.

Denn das ist die Bibel: Ein Regal voller Bücher. Eine ganze Bibliothek von Erfahrungen mit Gott, aufgeschrieben in Geschichten, Briefen und Gedichten. Wer sie liest, bekommt einen Zugang zu diesen Erfahrungen. Wer sie liest, begegnet in diesen menschlichen Erfahrungen Gott.

Diese Unmittelbarkeit suchten Geert Grote und seine Nachfolgerinnen und Nachfolgerinnen und Nachfolger in den Gemeinschaften der Brüdern und Schwestern vom gemeinsamen Leben. Sie waren überzeugt: Wer die Bibel in der eigenen Sprache lesen kann, kommt Gott auf die Spur. Dafür braucht man keine kirchliche Lehre und auch keine kirchlichen Institutionen.

Die Brüder vom gemeinsamen Leben gerieten deswegen sogar unter Verdacht, Feinde der Kirche und Ketzer zu sein. Geert Grotes unverhohlene Kritik an den Entgleisungen der Institution Kirche, an Ausschweifungen, persönlicher Bereicherung und Amtsmissbrauch war offensichtlich doch nicht ganz in Vergessenheit geraten. Vor dem Konzil in Konstanz 1414-18 wollte man die Brüder vom gemeinsamen Leben anklagen, fand aber nicht genug überzeugende Argumente, um sie zu verurteilen.

Ein Regal voller Bücher. Bänke und Tische. Das kaum hörbare Geräusch einer Feder, die über das Papier kratzt. Manchmal das halblaute Flüstern der Schreiber, die einzelne Worte laut lesen, um keine Fehler beim Abschreiben zu machen. Man nannte die Brüder vom gemeinsamen Leben auch die „Brüder von der Feder“. Ihre Aufgabe sahen sie darin, theologische Bücher und die Bibel zu verbreiten. Vor der Erfindung der Druckerpresse bedeutete das: Mühsames Abschreiben mit der Hand, mit Tinte und Feder auf Pergament, verziert mit Farbe und Gold. Später stand dann eine der ersten Druckerpressen überhaupt in einem ihrer Klöster. Jedes einzelne Buch eine Kostbarkeit, wie eine Tür in die Welt der Erfahrungen mit Gott.

Als sich der Buchdruck zu Beginn des 16. Jahrhunderts weiter verbreitet hatte, blieb es für die Brüder vom gemeinsamen Leben dennoch bei den Regalen voller Bücher, bei den Bänken und Tischen, bei Tinte und Feder. Nun beherbergten sie in größeren Städten Schüler und sorgten für ihre Versorgung und Erziehung.

Martin Luther sagt von sich, er sei bei den „Brüdern vom gemeinsamen Leben in die Schule gegangen“.[1] Als Sohn eines ehrgeizigen aufstrebenden Unternehmers besuchte auch er die Schule, erst in Mansfeld, dann als 14jähriger in Magdeburg. Dort war er bei den Brüdern vom gemeinsamen Leben untergebracht. Ihre tiefe und persönliche Frömmigkeit, vor allem aber die Liebe und Sorgfalt, mit der sie mit der Bibel umgingen, wird den heranwachsenden Luther beeindruckt haben. Er wusste damals noch nicht, dass einer der Briefe aus der biblischen Bibliothek sein Leben verändern würde. Nicht einmal bei seiner ersten, klassischen, so oft erzählten Lebenswende vom aussichtsreichen Jurastudenten zum Mönch würde es bleiben.

Irgendwann war die Bibel für Martin Luther nicht mehr nur Gegenstand seines wissenschaftlichen Studiums. Irgendwann geriet er beim Lesen über die Schwelle, hinein in das Buch, weg vom Wissen über Gott hinein in die Welt der Erfahrung mit Gott. Die reformatorische Entdeckung Martin Luthers kann man auch als Leseerfahrung verstehen.

„Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ (Dtn 30, 11-14)

Ein Versprechen für uns, aus der Bibel. Gott ist uns nahe in den Geschichten, Briefen und Gedichten der Bibel. Wir müssen nicht in den Himmel der Erkenntnisse steigen oder ein Meer religiöser Erfahrungen durchqueren auf der Suche nach Gott. Was wir suchen oder vielleicht gar nicht mehr suchen, ist alles in diesem Buch. Wer es aufschlägt, betritt die Welt, in der Gott wohnt.

Ein Buch aufschlagen, das eigentlich ein Regal voller Bücher ist. Die Bibel lesen. Mehr braucht ein Mensch nicht, um Erfahrungen mit Gott zu machen. Geert Grote suchte schon in seiner Zeit, vor fast 700Jahren, nach einer „modernen Frömmigkeit“. Das heißt Devotio moderna. Modern war damals die Unmittelbarkeit der Erfahrung, die durch das Lesen der Bibel möglich wurde. Die Reformation betonte diese Unmittelbarkeit noch einmal. Sola scriptura lautet die reformatorische Formel, allein die Schrift. Dass die Reformatoren sofort begonnen haben, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen, war die notwendige Voraussetzung dafür. Bis heute wird an immer neuen Übersetzungen gearbeitet, mit der gleichen Liebe und Sorgfalt wie bei den Brüdern vom gemeinsamen Leben.

Ein Regal voller Bücher, in einem Kinderzimmer, in einem Wohnzimmer. Selbst aufgebaut im Schweiße des Angesichts - auch ein Ausdruck aus der Bibel - oder angeliefert.

Ein Buch gehört mindestens hinein. Eine Kinderbibel für Theodor.

Und eine Bibel für die Großen.

Die neue Überarbeitung der Lutherbibel zum Beispiel, die nächste Woche erscheint.

Die gibt es dann übrigens auch kostenlos als App fürs Smartphone.

Devotio moderna.

Ganz nah ist das Wort,

deinem Munde und deinem Herzen.

Amen.


[1] WA Br 2, 563,6f (510).