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Predigt über Gal 3,28 und Marie Dentière (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 28.10.2018

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Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

„Gibt es zwei Evangelien? Eines für die Männer und ein anderes für die Frauen? Wir sind alle eins in Jesus Christus!“ (Marie Dentière)

Neulich kam eine Frau zu mir, Sie meinte, wir Pfarrer sollten nicht diese langen schwarzen Gewänder anziehen. In der ganzen Gemeinde hat sie gegen unsere Talare gewettert – und nicht nur gegen die Talare, auch gegen uns Pfarrer. Sie wusste, dass ich schon davon gehört hatte und kam nun direkt zu mir. Sie lachte verlegen und versuchte, ihre Ansicht biblisch zu begründen. „An den langen Gewändern könne man die falschen Propheten erkennen,“ stünde doch in der Bibel. Sie habe das in der Kirche gehört. Nein, sagte ich, da steht: Nehmt euch in acht vor den Schriftgelehrten, die Wert darauf legen, in langen Gewändern einherzugehen, und es schätzen, auf den Marktplätzen gegrüßt zu werden, und gerne die Ehrensitze in den Synagogen einnehmen. (Lk 20,46)

Dass ich es besser wusste, hat sie geärgert und sie fing an, über die Arroganz der Pfarrer zu schimpfen, die die Leute so einschüchtert, dass sie nicht mehr trauen, ihre Meinung zu äußern. Ich habe dieses Weib zurechtgewiesen.“

Diese Begebenheit, liebe Gemeinde, berichtete Johannes Calvin 1546 seinem Freund und Kollegen Guillaume Farel.

Und als dieser den Brief las, mag er sich erinnert haben, dass er wenige Jahre zuvor Calvin von diesem Weib schrieb. Das war Froments Frau. - Wie hieß sie noch gleich? Egal! - Froment, hatte Farel geschrieben, stehe ganz schön unter ihrem Pantoffel. Sie sei zwar geistreich– wie heißt sie noch gleich? Egal – aber leider auch herrschsüchtig. Auf Froment könne man sich deshalb nicht mehr verlassen.

***

Dieses Weib war eine entlaufene Nonne, die einen Pfarrer geheiratet hat. Erst einen, dann noch einen. Sie wollte in Genf andere Frauen aus dem Kloster holen. Dieses Weib las die Bibel, schrieb Briefe und stellte Fragen.

Marie Dentière hieß sie, Marie Dentière. Calvin und Farel merkten sich nicht ihren Namen. Froments Weib. Das reicht. Mehr braucht man bei einem Weib nicht zu wissen. Nur, wo sie hingehört.

***

„Gibt es zwei Evangelien? Eines für die Männer und ein anderes für die Frauen?“, fragt Marie Dentière die Schwester des Königs von Frankreich, der sie einen Brief schrieb. Wir wissen nicht, ob Marguerite de Navarre ihr geantwortet hat. Marie Dentière wusste die Antwort auch so, von Paulus. „Wir sind alle eins in Jesus Christus!“

Es ist von ihr nicht viel überliefert. Traktate von Frauen wurden nicht gedruckt. Manche gaben sich deshalb männliche Pseudonyme.

„Gibt es zwei Evangelien? Eines für die Männer und ein anderes für die Frauen?“ Jetzt ist Reformation, das Evangelium wird freigelassen, die Nonnen werden freigelassen, das Wort wird freigelassen. Werden auch die Frauen freigelassen? Dürfen auch sie jetzt predigen und lehren und studieren?

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus, schrieb Paulus (Gal 3,28).

Jetzt ist Reformation. Doch eins nach dem anderen. Erst einmal die Befreiung des Evangeliums aus der Tyrannei des Papstes. Und die Befreiung der Frauen aus der Tyrannei der Männer? Vertagt. Und die Befreiung der Bauern aus der Tyrannei der Herren? Vertagt. Und die Befreiung der Juden aus der Tyrannei der Christen? Vertagt, vertagt, vertagt.

Auf wann vertagt? Auf das 20. Jahrhundert? Auf das 21., auf das 22.? Auf das Reich Gottes, das eines vertagten Tages kommt?

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Immerhin hat man im 20. Jahrhundert endlich damit begonnen, auch den Frauen die langen schwarzen Roben zu gewähren, die Marie Dentière so verspottete. Und Karl Barth hat sich nicht mehr über geistreiche Frauen lustig gemacht, sondern sich mit ihnen amüsiert. Eine jedenfalls, Charlotte von Kirschbaum hat er zu seiner Assistentin gemacht und sowohl regen geistigen wir auch anderen Umgang mit ihr gepflegt. Seine Frau Nelly war zur Versorgung der Kinder und der Gäste. Lollo aber war – jung und hübsch. Daneben auch gescheit. Oder gescheit und daneben auch noch hübsch.

In Barths viele tausende Seiten dickem Hauptwerk, der Kirchlichen Dogmatik, gibt es viele kleingedruckte Exkurse. Kenner halten sie mitunter für interessanter als das Großgedruckte. Viele davon sind angeblich von Lollo Kirschbaum. Die Hälfte von Barths Hauptwerk ist von Kirschbaum – und fast die bessere Hälfte. Aber vorne und hinten auf dem Buchrücken steht nach wie vor nur der Name des großen Mannes Karl Barth drauf.

„Gibt es zwei Evangelien? Eines für die Männer und ein anderes für die Frauen? Wir sind alle eins in Jesus Christus.“ Sagte Marie Dentière. Die Reformation ist noch nicht zu Ende. Es gibt noch einiges zu tun, bis wir die Antwort des Paulus wirklich begriffen haben.

Amen.