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Predigt über Gal 3,26-29 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 23.09.2018

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Paulus schrieb einmal einer Gemeinde Folgendes:

Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.

Alle Menschen sind gleich. Auf die Idee muss man erst mal kommen, liebe Gemeinde.

Alle Menschen sind gleich – an der Kasse im Supermarkt. Man stellt sich hinten an, einer nach dem andern kommt dran, alle Menschen sind gleich. Bis die zweite Kasse aufmacht. Dann sind nicht mehr alle Menschen gleich. Dann sind die einen schlau und schnell und die anderen dumm und langsam. Ich gehöre immer zu den Dummen und Langsamen. Sie sicher auch alle. Gefühlt gehört man ja immer zu den Dummen.

Am Flughafen organisieren sie die Gleichheit aller Menschen besser: Zehn Schalter sind offen, aber nur eine Schlange in diese Serpentinenabsperrungen gebändigt. Und dann gibt es noch den Schalter für die Businessclass. Die können durchmarschieren. Alle Menschen sind gleich – aber die Businessclass ist gleicher. Darauf muss man erst mal kommen.

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Paulus kam nicht gleich drauf. Er war geborener und gelehrter Jude, möglicherweise als solcher ziemlich grundsätzlich und ungleich den Heiden. Es gibt Israel und es gibt die Völker, also alle anderen. Israel ist Gottes erwähltes Volk. Die anderen sind es nicht. Vor Gott sind nicht alle Menschen gleich. So hat es Paulus gelernt.

Und dann ist ihm Christus erschienen vor Damaskus und hat ihm alle Maßstäbe verrückt. Paulus wurde zum Christusbotschafter, ging anfangs immer zuerst in die Synagoge, um die Juden davon zu überzeugen, dass Christus der ihnen verheißene Messias sei. Mit mäßigem Erfolg. Das führte zur Grundsatzentscheidung, mit dem Evangelium direkt zu den Heiden zu gehen. So entstand das Christentum als eigenständige Religion.

Der Monotheismus des Judentums und seine im Vergleich zu den paganen Kulten starke ethische Ausrichtung waren damals hoch attraktiv. Abschreckend wirkten die Beschneidung und andere Einzelgesetze der Tora. Das Christentum riss genau diese Schranken nieder, es konnte zunächst wahrgenommen werden als Judentum für alle, als ethisch ausgerichteten Monotheismus für alle Welt. Paulus brachte das auf die Formel Glauben statt Gesetz. Alle, die zu Christus gehören und getauft wurden, sind gleich und sie sind alle Abrahams Kinder. Wer getauft ist, wird also gewissermaßen Jude, ohne Jude zu werden.

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Alle Menschen sind gleich. Darauf muss man erst mal kommen. Für den, der an Christus glaubt, gibt es keine Unterschiede mehr zwischen Juden und Heiden, meint Paulus. Und er spricht in diesem Zusammenhang von der Taufe. Mit einem merkwürdigen Bild. Wer getauft wird, zieht Christus an. Wie ein Kleid. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.

Früher hat man alle Taufkinder in weiße Kleider gesteckt. Mit der Taufe ziehen sie Christus an. Die Farbe für Christus ist seit alters her weiß. Alle tragen ein weißes Kleid, alle sehen gleich aus. Von daher hat die Tradition mit den Schuluniformen seinen Sinn. Vor dem Lehrer sind alle Schüler gleich. An der Kleidung erkennt man nicht, wie viel Geld die Eltern haben. Bleibt nur noch das Problem mit der Hautfarbe und den Vornamen. Die einen heißen Kevin Jamie, die anderen Paul Simon. Man kriegt sie nicht weg, die Unterschiede, auch nicht durch gleiche Kleider. Kriegt man sie durch die Taufe weg?

Ja, meint Paulus. Hier ist nicht Jude noch Grieche, schreibt er. Und dann setzt er noch zwei drauf: Hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau;

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Das war revolutionär. Die Mehrheit der antiken Gesellschaft bestand aus Sklaven. Die Unterscheidung zwischen Sklaven und Freien war elementar für die antike Gesellschaftsordnung. Die Römer hatten ein Gesetz, das die Tötung aller Haussklaven vorsah, wenn einer unter ihnen sich schuldig gemacht hatte. Manche hätte so ein Gesetz gerne für die Flüchtlinge bei uns. Wenn einer sich schuldig gemacht hat, werfen wir alle anderen wieder ins Meer. Gott sei Dank ist unser Rechtssystem weiter entwickelt als das römische. Es lässt keine Kollektivbestrafung zu. Als der Bürgermeister von Rom von einem seiner Sklaven ermordet wurde, wurden alle seine Sklaven öffentlich hingerichtet. Es waren 400. Das hat in Rom immerhin zu Protesten geführt. Nicht nur die Sklaven auch viele gebildete Freie fanden dies nicht richtig. (Tacitus, Annalen, XIV,42-45)

Und dann kommt einer und sagt: Hier sind die Christen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

In den urchristlichen Gemeinden wurden die Sklaven gleich behandelt. Auch die Frauen wurden in den urchristlichen Gemeinden gleich behandelt. Es gibt Apostelinnen und in den Grußlisten der Briefe kommen Frauen ebenso vor wie Männer.

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Mit dieser revolutionären Botschaft also ist Paulus unterwegs. Wer so gefährliche Sachen sagt, braucht eine höhere Ermutigung. Die Apostelgeschichte erzählt, Gott habe ihm, als er nach Korinth kam, wo er eineinhalb Jahre blieb, zugesagt: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden.“ (Apg 18,9b-10a) Ein Zuspruch für Paulus damals und ein Zuspruch für Paul heute.

Dann aber wurde ein gewisser Gallio Prokonsul der Provinz Achaia und die Juden verklagten Paulus bei ihm, weil er Gott auf gesetzeswidrige Art verehre. Paulus wollte nicht dazu schweigen, sondern reden. Er tat seinen Mund auf, doch da fiel ihm schon dieser Gallio ins Wort und sagte, er lasse die Klage nicht zu, es ginge ja nicht um die öffentliche Ordnung, sondern um eine innerjüdische Angelegenheit. Manchmal reicht schon die Absicht, etwas zu sagen, und schon regelt Gott die Dinge, wie er versprochen hat.

Übrigens ist dieser Gallio ein Glücksfall für die frühchristliche Chronologie. Man hat in Delphi eine Inschrift mit seinem Namen und der exakten Datierung seiner Amtszeit gefunden und kann von daher sagen, dass Paulus von Herbst 50 bis Frühjahr 52 in Korinth war.

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Paulus also lässt sich den Mund nicht verbieten. Er muss reden, sagen, was er glaubt: Dass die Unterschiede wegfallen. Dass man sie nicht mehr machen darf. Nicht zwischen Juden und Heiden, auch nicht zwischen Männern und Frauen und nicht zwischen Sklaven und Freien. In den ersten Gemeinden ist es offenbar gelungen, diese Unterschiede aufzuheben. Eine kleine neue Gesellschaft, in der alle gleich waren.

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Alle Menschen sind gleich. Vor Gott. Darauf kann man kommen. Wenn man getauft wurde und Christ ist. Aber Christen haben dann schnell begonnen, ihr weißes Taufkleid auszuziehen und wieder die alten schmutzigen Heidenkleider angezogen. Auch sie haben angefangen, Sklaven zu halten, auch sie haben die Frauen für rechtlos erklärt, auch sie haben sie von Bildung und Macht fern gehalten und bald schon haben auch sie wieder einen deutlichen Unterschied gemacht zwischen sich und den Juden und die Miterben der Verheißung haben die eigentlichen Erben der Verheißung enterbt.

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Es ist ja auch schwer mit der Gleichheit aller Menschen. Man kommt nicht so ohne weiteres drauf. Um so etwas wie eine eigene Identität und ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, muss man sich erst mal unterscheiden lernen und die Unterschiede akzeptieren. Ich bin ich und nicht du. Ich bin eine Frau und kein Mann; ich bin schwarz und nicht weiß; ich bin Jude und nicht Christ; ich bin schwul. Und das ist gut so. Die Verschiedenheit wahrnehmen und sie akzeptieren. (Für mich persönlich ist es auch o.k., dass ich ein weißer, nicht schwuler Mann bin).

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Alle Menschen sind gleich? Nein, wir sind alle unterschiedlich, wir sind ein bisschen, ein bisschen mehr, manchmal auch ganz verschieden.

Man muss genau hinhören. Paulus sagt gar nicht, dass alle Menschen gleich sind. Er sagt, dass wir alle eins sind, alle einer sind in Christus. Es gibt in aller Verschiedenheit eine Einheit. Das ist eine geglaubte Einheit. Der Glaube, dass alle Menschen vor Gott gleich sind. Dass Christus für alle Menschen gestorben ist. Dass Gott allen Menschen ihre Unvollkommenheit vergibt. Dass Gott allen Menschen gnädig ist.

Man kann all das nur glauben. Aber wenn man es glaubt, dann realisiert man es auch, dann realisiert es sich, es wird Wirklichkeit. Die Verschiedenheit hört dann auf, Unterschiede zu machen. Im Ansehen, in der Behandlung, in der Gewährung vom Rechten, bei der Bezahlung.

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Alle Menschen sind gleich vor Gott. Und deswegen haben unter uns Menschen alle Menschen einen gleichen Wert. Und der ist unendlich. Jeder einzelne Mensch. Teuer erkauft und erlöst durch Christus.

Amen.