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Predigt über Apg 16,9-15 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 24.02.2019

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Purpurfarben müsste die Fahne Europas sein, liebe Gemeinde, purpurn und nicht blau. Vielleicht wird sie es noch, wenn in den Kreis der Sterne am tiefblauen Himmel Europas der eintritt, der das Licht der Welt ist. Denn erst das Licht gibt die Farbe. Und vielleicht wird dann aus blau noch Purpur.

Man muss sie sammeln, viele davon, sehr viele, aus dem Meer, sie lebend öffnen, ihre Hypobrachialdrüse entfernen. Ein mühsames und nicht gerade angenehmes Geschäft. Die Drüsen muss man drei Tage in einer Salzlauge kochen, dann in Urin legen. Dann hat man ein verwendbares Konzentrat des gelblichen Drüsenschleims der Stachelschnecke, mit dem sie eigentlich ihre Beute lähmt, der ihr aber durch den Menschen zum Verhängnis geworden ist. Denn das Konzentrat des Schleims, das einen ekelhaften Gestank ausströmt, färbt das mit ihm behandelte Tuch im Sonnenlicht erst grün, dann blau, dann purpurn, dann scharlachrot, schließlich dunkel violett. Erst das Licht gibt die Farbe. Ein fast universeller Farbstoff, je nachdem, wie lange man den damit behandelten Stoff dem Sonnenlicht aussetzt. Zehntausende Purpurschnecken müssen ihre Drüsen lassen, um einem Senator die Toga zu färben. Und was den Senatoren teuer war, war den Kardinälen recht. Doch eigentlich müsste Purpur nicht nur die Farbe der staatlichen und kirchlichen Fürsten sein, sondern die Farbe Europas. Denn der erste Mensch, der sich in Europa taufen ließ und Christ wurde, war eine Frau und eine Purpurhändlerin. Lydia. Davon berichtet die Apostelgeschichte:

In der Nacht nun hatte Paulus eine Vision: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! Kaum hatte er die Vision gehabt, setzten wir alles daran, nach Makedonien hinüberzugelangen, in der Überzeugung, dass Gott uns gerufen hatte, den Menschen dort das Evangelium zu verkündigen.

Wir legten von Troas ab und gelangten auf dem kürzesten Weg nach Samothrake; am folgenden Tag erreichten wir Neapolis, und von dort kamen wir nach Philippi, einer Stadt im ersten Bezirk von Makedonien, einer römischen Kolonie. In dieser Stadt hielten wir uns einige Tage auf.

Am Sabbat gingen wir vor das Stadttor hinaus an einen Fluss; wir nahmen an, dass man sich dort zum Gebet treffe. Wir setzten uns nieder und sprachen mit den Frauen, die sich eingefunden hatten.

Auch eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; ihr tat der Herr das Herz auf, und sie liess sich auf die Worte des Paulus ein. Nachdem sie sich samt ihrem Haus hatte taufen lassen, bat sie: Wenn ihr überzeugt seid, dass ich an den Herrn glaube, so kommt zu mir in mein Haus und bleibt da; und sie bestand darauf.

Ein Sämann ging aus, seinen Samen zu säen. Er hieß Paulus. Er war der erfolgreichste Sämann. Er ging aus in alle Welt. Er ging von Asien nach Europa und säte vom Morgen bis zum Abend, ging vom Morgenland ins Abendland, vom Orient zum Okzident.

Der Sämann ging aus, zu säen. Und beim Säen fiel etliches auf den Weg und wurde zertreten. …Anderes fiel auf Fels, ging auf und verdorrte.... Anderes fiel mitten unter die Dornen... Wieder anderes fiel auf guten Boden. (Lk 8,5-8)

Nicht immer hatte der Apostel Erfolg. Nicht jedes seiner Worte fiel auf fruchtbaren Boden. Doch er hatte einen Plan: Von Jerusalem nach Rom. Zu den Heiden und nach Westen.

In der Apostelgeschichte ist der Plan unverkennbar. Aber ausgelöst, aktiviert, fruchtbar gemacht wird er von Gott. Ob der Plan aufgeht und das Wort Gehör findet, ob die Saat aufgeht und Frucht bringt, das hat Paulus nicht in der Hand.

„Komm rüber!“, ruft einer aus Makedonien. „Komm rüber zu uns!“ Paulus sieht ihn und hört ihn. Er hat eine Vision.

Dass der Kirche die Visionen fehlten, wird oft beklagt. Und der Politik erst recht. Paulus hatte eine Vision. Es ist aber nicht die Vision vom christlichen Abendland, keine Vision von der Christianisierung Europas. Er sieht bloß einen Mann aus Makedonien der spricht: „Komm rüber!“ Und da er diese kleine Vision auch in der Nacht hatte, ist es mehr ein Traum als eine Vision. Martin Luther-King hatte eine große Vision von seinem Land, aber er nannte sie lieber seinen Traum. Bei Visionen, die keinen Platz für Gott mehr lassen, kommt oft der Teufel raus. Sie werden unbedingt, prinzipiell, fanatisch und schließlich mörderisch. Ich werde eher skeptisch als begeistert, wenn einer von Visionen spricht.

Paulus sieht einen Mann aus Makedonien der spricht: „Komm rüber!“ Das ist viel zu wenig, um eine Vision genannt zu werden. Und doch hat man diese Stelle in der Apostelgeschichte immer wieder aufgeblasen und ihr die fette Überschrift gegeben: „Das Evangelium kommt nach Europa.“ Dahinter steckt aber nicht mehr als der Katzensprung über den Bosporus von einer römischen Provinz in eine andere.

Der Sämann ging aus, zu säen. Und beim Säen fiel etliches auf den Weg und wurde zertreten. …Anderes fiel auf Fels, ging auf und verdorrte.... Anderes fiel mitten unter die Dornen... Wieder anderes fiel auf guten Boden. (Lk 8,5-8)

Paulus also betritt den Boden Europas. Ist das ein guter Boden?

Der gute Boden liegt in Israel. Die Juden, die in der Diaspora leben, haben ihn bei sich.

Darum geht Paulus immer zuerst in die Synagoge, wenn er in einer neuen Stadt ankommt. Er möchte das Evangelium zu den Heiden tragen. Aber wenn der Same auf die Felsen Griechenland fällt, dorthin, wo kein verheißungsvoller Grund aus Israels Boden liegt, wird nur schwerlich eine Saat aufgehen. Diese Erfahrung hat Paulus gemacht. Auf Israels fruchtbaren Boden muss der Same des Evangeliums gestreut werden, in der Synagoge, dort wo die Juden, aber auch diejenigen unter den Heiden, denen der Gott Israels sympathisch ist und sein Engagement für Gerechtigkeit, sein Eifer für die Schwachen. Die also, die man die Gottesfürchtigen nennt, die Heiden, die ihr Heil bei den Juden suchen, die sind das fruchtbare Land für das Evangelium, das Paulus zu säen hat.

Da es in Philippi keine Synagoge zu geben scheint, trifft Paulus die Juden am Sabbat am Fluss. Es sind Frauen. Zu allen Frauen spricht Paulus. Alle Frauen hören zu. Aber nur einer tat Gott das Herz auf. Oder tat er allen das Herz auf, aber Lukas will uns nur von dieser einen berichten, dieser Lydia, dieser Purpurhändlerin. Warum? Weil Paulus und seine Mitarbeiter bei ihr Aufnahme fanden? Weil sie eine besondere Frau war? Weil sie eine selbständige Unternehmerin war? Weil sie reich war? War sie eine imposante Erscheinung? Hatte sie einen purpurfarbenen Mantel an?

Wir erfahren all das ebenso wenig, wie wir erfahren, mit welchen Worten es Paulus hingekriegt hat, dass Gott ihr das Herz geöffnet hat. Das würde ich zu gerne wissen.

Was hat er ihr gesagt? Er muss ihr von Christus erzählt haben. Hat er ihr von seinen Worten berichtet? Hat er ihr seine Gleichnisse erzählt, etwa das vom Sämann: Der Sämann ging aus, seinen Samen zu säen….? Hat er ihr von seinem Scheitern erzählt? Von seiner Verhaftung, von seinem Verhör, von seiner Verspottung? Hat er ihr erzählt, dass sie ihm einen Mantel umgehängt haben dort im Palast des Pontius Pilatus, einen Mantel aus Purpur, weil er gesagt habe, er sei der König der Juden?

Das muss er ihr gesagt haben. Und an dieser Stelle muss sie nachgefragt haben. Wie kann er der König sein, wenn er sich wie ein Verbrecher verachten, bestrafen, töten lässt? Wie kann Gott das zulassen? Und dann muss Paulus es ihr erklärt haben. Wie er es auch den anderen erklärt hat, immer wieder und in seinen Briefen aufgeschrieben hat. Dass er für andere…, für alle…, dass er es auf sich genommen hat…, dass Gott es auf sich genommen hat…

Es ist dieses Geheimnis, das Geheimnis einer Erwählung, einer Zuneigung, einer Liebe, die menschlicher ist, als wir Menschen sie uns erlauben. Etwas an dieser geheimnisvollen Geschichte muss Lydia berührt haben. Sie zog ihren purpurfarbenen Mantel aus und ein schlichtes weißes Taufkleid an.

Der Sämann ging aus, zu säen. Und beim Säen fiel etliches auf den Weg und wurde zertreten. …Anderes fiel auf Fels, ging auf und verdorrte.... Anderes fiel mitten unter die Dornen... Wieder anderes fiel auf guten Boden. (Lk 8,5-8)

So ist das auch in Europa, mal fällt, was Paulus sagt, auf Felsen, mal in die Dornen, mal auf guten Boden. Von Philippi reist er weiter nach Thessaloniki. In der Synagoge predigt Paulus über den Gesalbten, der leiden müsse und nach drei Tagen auferstehen werde. Einige von ihnen ließen sich überzeugen …, ebenso eine große Zahl von gottesfürchtigen Griechen und nicht wenige Frauen aus den vornehmsten Familien. (Apg 17,4)

Die meisten Juden aber zeigten ihre Stacheln. Da fielen seine Worte unter die Dornen. Anders in der nächsten Station Beröa. Dort war in der Synagoge guter Boden. (Apg 17,11). Wieder anders in Athen. Auf dem Areopag war es felsig. Zwar ging die Saat zunächst auf, als Paulus sanft pantheistisch und ganz niederschwellig begann. Als er aber von Gericht und Umkehr, von Christus und der Auferstehung begann, war es für die intellektuellen Griechen vorbei. Sie ließen ihn stehen und das Wort verdorrte. (Apg 17,30-32)

Und so ist es bis heute im christlichen Abendland. Nicht jede Saat geht auf.

Liebe Gemeinde, wie kommen Menschen zum Glauben? Man kann das untersuchen. Man kann Umstände benennen und Faktoren ausmachen. Man kann sagen, Paulus war ein guter Theologe, ein genialer Rhetoriker, ein einfühlsamer Seelsorger. Man kann sagen, Lydia war religiös interessiert, eine gebildete und selbstbewusste Frau.

Wie kommen Menschen zum Glauben? Man kann Faktoren benennen und dann in Bildung und Ausbildung investieren, die Öffentlichkeitsarbeit intensivieren und Missionsstrategien implementieren. Und man kann all dies schon in der Apostelgeschichte finden – zwischen den Zeilen. Was man dort aber in den Zeilen lesen kann, ist nicht solches. In den Zeilen liest man von Träumen, die Menschen dazu bewegen, mutige Entscheidungen zu treffen. Und man liest vom Geist Gottes, der manchmal etwas verhindert und ein anderes Mal einer Frau das Herz öffnet.

All unser Mühen, Planen und Organisieren kann doch nur dazu da sein, Gottes Geist Raum zum Atmen zu lassen.

Wieder anderes fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfach Frucht.

Amen.