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Predigt über 2.Timotheus 1,7-10 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 11.09.2016

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Ein Flugzeug fliegt in das Hochhaus. Ein Feuerball, schwarzer Rauch. Ein anderes Flugzeug fliegt in das andere Hochhaus. Ein Feuerball, schwarzer Rauch. Das eine Hochhaus sackt in sich zusammen, das andere Hochhaus sackt in sich zusammen. Wie Schnee legt sich der Staub auf die Straßen Manhattans, doch weniger unschuldig. An den Bildschirmen hält die Welt den Atem an.

An diesem Tag, liebe Gemeinde, begann der Krieg. Ein Krieg mit einer neuen Kriegsführung: Es gibt keine Kriegserklärung und es gibt keine Soldaten. Menschen selbst werden zu Waffen. Sie töten viele andere mit Flugzeugen, mit Lastern, mit Sprengstoff oder noch klassisch mit der Kalaschnikow. Damit das Töten die größten Effekte erzielt, setzen sie sich selbst ein, töten andere, indem sie sich selbst töten.

Als die weiße Wand des World Trade Centers vor den Cockpitscheiben von American Airline No 11 zum Greifen nahe war, rief Mohammed Atta mit rasendem Herzen, die Finger um den Steuerknüppel verkrampft: „Allahu akbar.“ Als der weiße Laster in Nizza am 14. Juli Fahrt in Richtung Menschenmenge aufnahm – „Allons enfants de la Patrie!“ - vernahm man aus dem Führerhaus: „Allahu akbar.“ Bevor sie sich in die Luft sprengen oder Flugzeuge in Häuser steuern oder Lastwagen in Menschenmengen, oder mit den Kalaschnikow zielen, rufen sie: Allahu akbar.

Die Reisetasche von Mohammed Atta war nicht im Flugzeug, das er in den Nordturm steuerte. In ihr fand man einen vierseitigen handgeschriebenen Text auf Arabisch. Fragmente des gleichen Textes fand man in der Maschine, die in Pennsylvania abstürzte. Man nennt den Text: „Geistliche Anleitung.“ Der Text fordert zu innerer Ruhe, Gehorsam und Furchtlosigkeit beim Töten auf, empfiehlt mentale Ablenkung durch intensives Rezitieren religiöser Formeln sowie das Ausrufen der Formel Allāhu akbar zur Einschüchterung der Ungläubigen (Wikipedia, Art. „Geistliche Anleitung“)

In diesem Krieg ist der Ruf Allahu akbar ein Schlachtruf geworden, ein Schreckensschrei, die Ankündigung des Todes. Allahu akbar heißt aber nicht: „Jetzt werdet ihr sterben!“ Allahu akbar heißt: „Gott ist groß.“

Das versteht keiner. Dass Menschen denken, Gott zu loben, indem sie viele andere Menschen töten. Man muss zugeben: Auch die, die Gott mit den gleichen arabischen Worten loben, während sie auf kleinen Teppichen knien, verstehen es nicht. Das versteht keiner, außer den wenigen, die es tun. Wann endlich sagt Gott es auch diesen wenigen, dass er sich solch ein Lob verbittet?

Heute, am 11. September, 15 Jahre nach Ausbruch des Terrorkriegs, der inzwischen auch Europa erreicht hat, heute hören wir einen tröstlichen Satz:

Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Das ist ein Satz, den man nicht genug hören kann. Man müsste ihn sich täglich sagen.

Vor einem Jahr haben wir den Satz an gleicher Stelle auch schon gehört. Es war auch der Sonntag der Gemeindeversammlung und eine Zeit, in der dieser Satz mal wieder nötig war und guttat. Es waren die Tage, an denen täglich zigtausende in Bayern die Grenze überschritten und tausende vor dem LaGeSo campten, um ein Papier zu erhalten. Es waren die Tage der Euphorie über so viel Hilfsbereitschaft und der Ratlosigkeit über das, was daraus werden kann.

Und was damals gesagt wurde, wird heute wiederholt:

Gott lässt uns in bedrohlichen Zeiten nicht allein. Er gibt seinen Geist. Und da das Leben anstrengend, die Lage unübersichtlich und die Zukunft unabsehbar ist, gibt Gott seinen Geist in vielen Facetten und mit manchen Effekten. Vier nennt der Apostel, aber nur drei sind von Gott: Liebe und Kraft und Besonnenheit. Die Verzagtheit – weiß der Teufel, wo die herkommt.

Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Mit diesen Geistern leitet Gott uns, tagein, tagaus, durch die Zeiten. Nicht alle Geister sind von Gott. Aber mit denen, die von ihm sind, überwindet er die anderen Geister, die nicht von ihm sind.

Wir versuchen, den drei Geistern Gottes auf den Grund zu gehen.

 

Der Geist der Kraft.

Paulus sitzt im Gefängnis. Berufsrisiko eines berufenen Missionars. Sein Freund Timotheus ist verzweifelt. Ihm schreibt Paulus: Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Schäme dich nicht, Zeugnis abzulegen für unseren Herrn, auch nicht dafür, dass ich für ihn im Gefängnis bin, sondern ertrage für das Evangelium Mühsal und Plage in der Kraft Gottes, der uns errettet und uns berufen hat mit heiligem Ruf, nicht aufgrund unseres Tuns, sondern aufgrund seiner freien Entscheidung und seiner Gnade, die uns in Christus Jesus zugedacht wurde, vor aller Zeit.

Die Kraft Gottes: sie errettet, sie erwählt, sie beruft. Erinnere dich und glaube deiner Erwählung! Nicht die Natur hat uns in die Welt gesetzt, nicht die Gene haben uns geformt, nicht der Zufall hat mit uns gespielt. Wer glaubt, hat eine andere Theorie und ein unüberwindliches Gefühl: Gott hat erwählt, er hat uns berufen, er hat uns errettet, er wird uns erhalten. Das hat Gott längst entschieden, ohne abzuwarten, was wir aus uns machen. Die Würfel sind gefallen - aus Gottes Hand: Wir sind gewollt. Wir werden gebraucht.

Nichts baut mehr Selbstbewusstsein auf und nichts mobilisiert mehr Kraft als ein kräftiges Erwählungsbewusstsein. Es produziert die Helden und die Heiligen. Aus dem Bewusstsein ihrer Erwählung ziehen Menschen ungeheuere Kräfte. Das ist der Geist der Kraft.

Aber dieser Geist ist schillernd. Die Islamisten haben einen ähnlichen Geist. Auch sie fühlen sich erwählt und berufen. Auch die Terroristen glauben sich von Gott berufen. Aus diesem Erwählungsbewusstsein ziehen sie Kraft - unheimliche Kraft! Die Kraft, sich selbst zu töten und viele andere in den Tod mitzureißen. Die Kraft, ein Flugzeug in ein Hochhaus zu steuern. Weil sie sich dazu erwählt und berufen glauben, können sie sich auf die Ausführung ebenso grausamer wie komplexer Attentate konzentrieren. Der Geist der Kraft aus dem Bewusstsein einer Erwählung ist ein schildernder Geist. Er ist zu allem fähig, zu Taten und zu Untaten. Er macht Helden und Heilige ebenso wie Terroristen und Fanatiker.

Deshalb muss klar sein, welcher Gott es ist, der uns erwählt und berufen hat. Damit es klar wird, lässt Gott uns mit dem Geist der Kraft nicht allein. Der Geist der Kraft braucht eine Schwester, die gut zu ihm ist, die ihn erzieht und zivilisiert. Das ist der Geist der Liebe. Dieser Geist kommt vom Gott der Liebe. Die Liebe macht die Kraft menschenfreundlich. Kraft ohne Liebe läuft Gefahr, fanatisch zu werden. Ohne Liebe wird Kraft blind und verliert das Menschliche aus den Augen. Ohne den Geist der Liebe ist ein Geist der Kraft nicht mehr Gottes Geist. Also gibt Gott uns nicht nur den Geist der Kraft, sondern auch den Geist der Liebe.

 

Der Geist der Liebe.

Wie dieser Geist wirkt kann ich nicht besser sagen als Paulus es gesagt hat. Deshalb lasse ich es ihn sagen: Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. (1.Kor 13,4-7)

Die Liebe hält die Kraft im Zaum. Die Liebe impft gegen Fanatismus. Die Liebe wird niemals dulden, dass einer einen anderen tötet, um Gott einen Gefallen zu tun.

Ein dritter Geist kommt hinzu. Denn die Geschwister Kraft und Liebe sind beide schnell und impulsiv. Doch Gott denkt, dass auch wir denken sollten. Gerade in unübersichtlichen Lagen und den Zeiten von Krieg und Terror ist es gut, erst nachzudenken und dann zu reagieren. Daher gibt Gott zu Liebe und Kraft noch einen dritten Geist.

 

Der Geist der Besonnenheit.

Der funkt den Geschwistern Kraft und Liebe oft dazwischen, nimmt die Eile raus, kühlt die Hitze runter. „Erst mal drüber schlafen! Mal sehen, wie die Sache morgen aussieht.“ Der Geist der Besonnenheit ist ein solider, nachdenklicher, geordneter Geist, etwas kühler Geist. Seine Vernünftigkeit ärgert die Enthusiasten. Damit könne man einen Staat machen, aber keine Kirche, in der ein Feuer brennt, sagen sie. Der Geist der Besonnenheit sei der Tod der Begeisterung. Doch auch dieser Geist kommt von Gott. „Prüft alles und das Gute behaltet.“ (1. Thess 5,21) Von diesem Geist hatte die Bush-Administration nach dem 11. September zu wenig. Mit dem Irakkrieg reagierte sie auf die Anschläge zu schnell und falsch. Diese Unbesonnenheit hatte fatale Folgen – bis heute. Man kann es, liebe Gemeinde, in Zeiten wie diesen nicht oft genug sagen: Auch die Besonnenheit ist eine Gabe Gottes!

 

Kraft, Liebe, Besonnenheit - die Geister, die von Gott kommen. Nichts, was man trainieren könnte! Nichts, was man bei Fortbildungen in Rollenspielen üben könnte! Geister von Gott. Er gibt sie denen, die er erwählt hat. Er gibt sie denen, die er berufen hat. Er gibt sie denen, die hören, was er sagt.

Drei, die sich gegenseitig in Schach halten. Drei gegen den einen, der nicht von Gott ist, die Verzagtheit. Denn die Zeiten sind bedrohlich, die Lage ist unübersichtlich und das Leben ist anstrengend.

An Ground Zero in New York markieren zwei quadratische Bassins die Stelle, an der die Türme standen. Drum herum werden neue Hochhäuser gebaut, noch höher als die alten. Das höchste steht bereits, es heißt „One World Trade Center.“ Dort wird man heute zusammenkommen und gedenken und miteinander beten: Christen, Juden, Muslime.

Es gibt nicht eine Welt der Gläubigen und eine andere der Ungläubigen. Wir leben alle in einer Welt. Sie wird nicht nur durch den Welthandel, sie wird auch durch das Gebet zusammengehalten. Gott wird hören. Er wird auf die hören, die für alle Menschen bitten und wird die nicht ungestraft lassen, die seinen Namen mit Morden und Terror missbrauchen.

Es wird die Zeit kommen, in der man den Ruf „Gott ist groß“ auch auf Arabisch wieder ohne Schrecken wird hören können. Es wird die Zeit kommen, in der wir alle gemeinsam Gottes Größe preisen, weil wir einsehen: Gott liebt und ist geduldig und von großer Güte gegen alle seine Kinder. Denn er hat uns alle dazu berufen hat mit heiligem Ruf, nicht aufgrund unseres Tuns, sondern aufgrund seiner freien Entscheidung und seiner Gnade, die uns in Christus Jesus zugedacht wurde, vor aller Zeit, jetzt aber sichtbar geworden ist im Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus: Er hat den Tod besiegt und hat aufleuchten lassen Leben und Unsterblichkeit, durch das Evangelium.

Amen.

Zuerst veröffentlicht auf www.predigten.evangelisch.de