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Predigt über 2. Mose 34,29-35 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 05.02.2017

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Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen.

Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der Herr mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht.

Und wenn er hineinging vor den Herrn, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.

Liebe Gemeinde,

wer hat dem Mose die Hörner aufgesetzt? In vielen älteren Darstellungen, sei es in Bildern oder als Skulptur, hat Mose Hörner auf dem Kopf. Wer hat ihm die Hörner aufgesetzt?

Als er endlich unten war, brannte die Sonne noch immer. Sie hörte auch am Abend nicht auf zu brennen. Nicht in dieser Gegend. Die Tage waren heiß, die Nächte waren kalt. Hoch oben auf dem Berg war das Klima nicht barmherziger. Am Tage lief die Luft oben zwar frischer als unten, wo sie drückte. Aber oben brannte es mehr. Als käme man dem Feuer zu nahe.

Er suchte Schatten und fand keinen. Oben auf dem Berg hatte er die Felsspalte. Die schützte ihn. Er hatte vergessen, ein Zelt mit auf den Berg zu nehmen oder wenigstens eine Decke. Als er sich aufmachte, hatte er nur die beiden unbehauenen Tafeln im Sinn, die er mitnehmen sollte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es so lange dauern würde. 40 Tage und 40 Nächte.

Jetzt war er wieder unten. Der Abstieg hat entsetzlich lange gedauert. Er konnte nicht mehr so springen wie früher. Als er noch jedes Schaf seines Schwiegervaters Jitro einfangen konnte, nahm er die Felsen leichtfüßig wie ein Steinbock. Jetzt musste er die Schritte sorgfältig setzen, umso mehr, als er die beiden Tafeln nicht wieder fallen lassen wollte. Ein erneutes wochenlanges Gipfeltreffen würde er nicht überleben. Dieses Mal musste er die Tafeln heil übergeben.

Gott sei Dank hatte sich seine größte Befürchtung nicht bestätigt. Etwa auf halber Höhe war er stehen geblieben, hatte die Tafeln behutsam abgesetzt, die freie Hand zur Blende der Augen an die Stirn gesetzt und in die Ebene geschaut. Jeden Stein dort unten hatte er gemustert, ob nicht doch einer von den tausenden zu einem Stier oder einem Löwen gehauen worden war. Aber er hatte nichts als Steine und einzelne Menschen verstreut im Lager erblickt. Keine Ansammlung, kein Tanzen, keine Musik. Sie hatten sich nicht wieder ein Tier gemacht, dass sie was zum Anbeten hatten, während er weg war. Vorsichtig hatte er die Tafeln wieder aufgehoben und den Pfad hinunter gesucht.

Die ersten, die unten seinen Weg kreuzten, machten einen Bogen um ihn. Andere sahen ihn an und blieben erstarrt stehen. Sie kannten ihn nicht mehr. Die 40 Tage und 40 Nächte hatten ihn zu einem Fremden gemacht.

Er ging nicht in das Lager hinein, sondern nahm den Weg um das Lager herum bis er an seinem Zelt war. Sie nannten es das Zelt der Begegnung. Endlich konnte er sich in den Schatten setzen.

Er nahm eine Decke und zog sie über den Kopf. Das tat ihm gut. Die Decke fiel glatt und rund über sein Haupt. Zwei Ausbeulungen sah dort keiner der Kinder Israels, obwohl sie kaum wagten, in seine Richtung zu blicken. Als Mose dort unten saß, hatte er noch keine Hörner auf dem Kopf. Wer hat ihm die Hörner aufgesetzt?

Nach wenigen Minuten döste er ein. Er träumte. Die 40 Tage auf dem Berg blendeten ihn im Schlaf, die 40 Nächte verdüsterten sein Geträumtes. Dunkel war es in der Felsspalte und kühl, dahin er geflüchtet war vor dem Licht und dem Brand und der Hitze. Die Gier, hoch oben Gott sehen zu wollen, war kaum zu stillen. Sie brannte sich seiner Seele ein. Die Spalte jedoch kühlte sie. Dort stach die Gottessucht nicht mehr so erbarmungslos.

Im Schatten sah er Gott vorübergehen. Er sah Gott hinterher, in seiner Rücksicht sah er ihn, dachte an sein Leben, erkannte den Gott in der gewesenen Gnade, schaute ihn in der vergangenen Gunst. Aber Kommen hat er ihn nicht sehen. Mose sah Gott in der Rücksicht. In der Voraussicht sah er ihn nicht.

Gottes Gehen ist Vergangenheit, Gottes Kommen ist Zukunft. Mose darf Gott in der Vergangenheit sehen. Da leuchtet schön seine Gnade. Die Zukunft mit Gott darf er nicht sehen. Sie blendet, sie brennt sich in das Gesicht wie ein strenges Gericht und macht es schamrot.

Die kühle Spalte im glühenden Gipfel tat ihm gut. Die Decke auf dem heißen Angesicht auch. Vom Hämmern auf die rohen Tafeln wurde er wach.

Er nahm die Decke vom Gesicht und erhob sich. Er rief Aaron und die anderen. Sie kamen, näherten sich ihm zögerlich und furchtsam. Sie starrten ihn an. Keiner sagte ein Wort. Miriam reichte ihm Salbe. Er wies sie ab. Dann hob er die Stimme und begann, ihnen die Weisungen des HErrn aufzusagen. Dass sie sich nicht vor den Göttern der anderen niederwerfen sollen. Denn der HErr sei eifersüchtig und das Rumhuren mit anderen Göttern mache ihn rasend. Mose hielt inne. Seine Augen suchten Aaron. Er fuhr fort: Dass sie das Pessach halten sollten. Dass sie den Sabbat halten sollten. Dass sie opfern sollten. Dass sie die Erstlingsgabe geben sollten.

Dann entließ er sie. Er setzte sich und hüllte wieder die Decke über sein Gesicht.

Tags darauf rief er sie wieder und gab neue Vorschriften. Wie die Opfer zu sein hatten. Und tags darauf wie der Altar zu sein hatte. Und tags darauf wie die Sabbat zu feiern wäre und dann das Pessach und die anderen Feste, vierzig Tage lang rief er sie und gab ihnen Weisungen.

Nicht nur die Schlauen unter den Kindern Israel fragten sich, ob all das denn auf den beiden Tafeln gestanden haben könnte. Auch Mose fragte es sich nach wenigen Tagen im Halbgedöse unter der Decke und musste sich eingestehen, dass ihm manches schöne Gebot wohl erst unten im Zelt gekommen war, wenn er des Nachts die Decke beiseite legte und das Nachglühen spürte. Doch er erachtete sich solcher Zusätze für berechtigt.

Das Nahen Gottes durfte er nicht sehen. Der Blick in die Zukunft wurde ihm verwehrt. Das Prophetische sollte seine Rolle nicht sein. Zum Weisungsmeister aber wurde er bestimmt.

Je länger er unter seiner Decke grübelte, desto versöhnlicher erschien ihm diese Rolle. Denn war die Zukunft mit Gott so nicht viel besser zu greifen als in der Schau des Angesichts? Mit Gesetzen kann man dem Volk die Zukunft gestalten, die Zeit handhabbar, den Weg gangbar machen. Jeder kann sehen, wie es werden wird. Die Weisungen stellen es ihnen vor die Augen, wie sie sich halten können gegen ihren Nächsten und ihren Schöpfer und gegen sich selbst. Wer Gesetze gibt, gibt der Zukunft eine Gestalt. Und noch mehr: Mit Gesetzen stillte Mose ihren Hunger nach Goldenen Kälbern und stopfte ihnen die murrenden Münder.

Was aber war das Glänzen und Strahlen und Leuchten auf seinem Angesicht? Sie rätselten 40 Tage und noch in den Nächten im Glanz der Lagerfeuer. Und noch nach 40 Jahren blieb das Rätsel unentdeckt. Bis heute rätselt sie und wir mit ihnen. Die Decke gab kein Geheimnis preis. War es Sonnenbrand? War es Gottesbrand? Hat er doch zu viel abbekommen von dem sich nahenden Gott? Ist er Gott zu nahe gekommen, Gott ihm zu nahe gekommen? Oder war es bloß eine Schamesröte wegen der ungehaltenen Begehrlichkeit, eine theologische Neugier zu stillen? War es das, was die Kinder Israel auf seinem Angesicht vermerkten, und gleich den Blick abwendeten, weil es ihnen selbst peinlich wurde?

Wir wissen es nicht. Es bleibt ein Rätsel.

Manchen wollen später im Angesicht Christi ein ähnliches Glänzen und Leuchten und Strahlen gesehen haben. Jedoch eines, das sich erträglicher anschauen ließe als das Glühen des Mose, weil Christus ja keine Decke auf sein Angesicht habe legen müssen.

Aber das, liebe Gemeinde, ist eine andere Geschichte. Gewiss keine schlechtere Geschichte und nicht weniger wahr wie die, die ich eben erzählt habe. Aber doch zu viel für einen Sonntag.

So lassen wir das Rätsel um das Glühen auf dem Angesicht des Mose das sein, was es immer war und bleibt wird: ein Rätsel eben.

Doch ein anderes kann ich zum Schluss noch lüften: Wer hat dem Mose die Hörner aufgesetzt?

Das ist eine blöde Geschichte. Mose hat in älteren Bildern und Skulpturen immer Hörner auf dem Kopf. Daran erkennt man ihn. Oder auch nicht. Kinder sehen ihn im Museum und rufen: „Guck mal, der Teufel!“ Leider antworten immer weniger Mütter oder Väter: „Nein, mein Schatz, das ist nicht der Teufel, das ist Mose“.

Also, wer zum Teufel hat dem Mose die Hörner aufgesetzt?

Der Mann hieß Aquila. Er übersetzte die hebräische Bibel um 130 n.Chr. erneut ins Griechische. Wo wir heute in den Übersetzungen lesen, dass Moses Gesicht strahlte oder glänzte als er vom Berg kam, da übersetzte Aquila, dass es behört gewesen sei. Der Mann, der Mose die Hörner aufgesetzt hat, war nicht dumm, denn das Wort kommt selten vor und bedeutet an anderer Stelle tatsächlich behörnt. Von Aquila hat es die Vulgata, die lateinische Standardausgabe der Kirche bis zur Reformation übernommen. Und so kamen die Hörner des Mose in die Kunst. Luther aber hat sie ihm wieder genommen. Er hat richtig übersetzt und den Rat von Hebraisten angenommen.

Aber etwas Tragisches hat die Episode mit dem Übersetzungsfehler schon. Allen hätte man zu Recht Hörner aufsetzen können: dem Aaron und allen Kindern Israel, weil sie mit einem Stier fremdgegangen sind, sich einen Gott mit Hörnern modelliert haben. Doch ausgerechnet den einzigen, dem in dieser Geschichte Hörner gar nicht gut zu Gesichte stehen, dem hat ein Übersetzungsfehler welche angedichtet!

Wenn ihr also mal wieder irgendwo in einer Kirche oder einem Museum einen Mose mit seinen beiden Tafeln und seinen beiden Hörnern rumstehen seht, denkt euch die Hörner weg und statt ihrer ein Leuchten hin. Und denkt an den blödesten Übersetzungsfehler der ganzen Bibel und schon habt auch ihr – wenn nicht ein ein Glänzen, so wenigstens ein Schmunzeln im Gesicht.

Amen.