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Predigt über 2. Mose 1 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 04.11.2018

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Liebe Gemeinde,

Schifra und Pua heißen sie, die beiden Frauen, von denen uns heute erzählt wird. Sie stehen am Anfang der Geschichte Israels als eines großen Volks, sie sind Retterinnen seiner Größe. Es ist die Geschichte zweier Hebammen. Hebammen helfen dem Leben. Geburtshelferinnen. Nicht immer werden sie gebraucht. Oft retten sie Leben und manchmal ganz anders als sie es gelernt haben. Manchmal retten sie Leben bloß durch Gottesfurcht. Davon erzählt diese Geschichte.

Doch bevor sie davon erzählt, hat sie eine Vorgeschichte und die bietet alles auf, was auch heute und schon damals und seither immer auf der Tagesordnung der Weltgeschichte stand: Migration und Asyl, Integration und Identitätswahrung, Bevölkerungsentwicklung und Geburtenkontrolle.

Zunächst also die Vorgeschichte:

Und dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten gekommen waren; mit Jakob waren sie gekommen, jeder mit seinem Haus: Ruben, Simeon, Levi und Juda, Issaschar, Sebulon und Benjamin, Dan und Naftali, Gad und Asser. Und es waren insgesamt siebzig, die von Jakob abstammten. Josef aber war schon in Ägypten. Und Josef starb und alle seine Brüder und jene ganze Generation.

Die Israeliten aber waren fruchtbar, und es wimmelte von ihnen, sie mehrten sich und wurden übermächtig, und das Land wurde von ihnen voll. Da stand ein neuer König über Ägypten auf, der nichts von Josef wusste. Und er sagte zu seinem Volk: Seht, das Volk der Israeliten ist uns zu groß und zu mächtig. Auf, wir wollen klug mit ihm umgehen, damit es sich nicht noch weiter mehrt und in einem Krieg nicht auf die Seite unserer Feinde tritt, gegen uns kämpft und hinaufzieht aus dem Land. So setzten sie Fronaufseher über das Volk, um es mit Fronlasten zu unterdrücken, und es musste für den Pharao Vorratsstädte bauen, Pitom und Ramses. Je mehr sie es aber unterdrückten, desto stärker mehrte es sich und breitete es sich aus. Da graute ihnen vor den Israeliten. Und die Ägypter zwangen die Israeliten mit Gewalt zur Arbeit und machten ihnen das Leben schwer mit harter Lehm- und Ziegelarbeit und mit aller Feldarbeit, all der Arbeit, die sie mit Gewalt von ihnen erzwangen.

Ein paar Familien waren es, die nach Ägypten flohen vor langer Zeit, mehr nicht. Etwa 70 Menschen. Wirtschaftsflüchtlinge. Sie flohen vor einer Hungersnot. Einer von ihnen machte Karriere. Er wurde Minister in der Regierung. Josef, Traumdeuter des Pharao, einer, der die wirren Ideen des Regierungschefs in planbare Zukunftsprogramme umsetzte. Aber das war lange her. Viele Generationen später wusste keiner mehr, warum so viele von ihnen im Land waren. Warum sie gekommen waren und dass sie einmal ganz wenige waren.

Zugegeben, sie taten sich schwer mit der Integration. Sie blieben unter sich und behielten ihren Glauben. Sie wollten keine Ägypter werden. Die Regierung nahm das Problem wahr und handelte klug. Sie sorgte für Integrationsmaßnahmen. Die Fremden sollten genauso wie die Einheimischen zum Aufbau des Landes beitragen. Man muss den Arbeitsmarkt für sie öffnen. Wenn man gemeinsam arbeitet, kommt man sich näher. Ein gemeinsamer Aufbau wird Misstrauen abbauen. Eine kluge und vorsichtige Maßnahme. So bauten die Israeliten zusammen mit den Ägyptern die Vorratsstädte Ramses und Pitom auf. Doch die Gastarbeiter wurden immer zahlreicher. Sie schienen mehr Kinder zu kriegen als die Einheimischen.

Irgendwann kippte die Stimmung. Die einst zur Entwicklung des Landes willkommenen Gastarbeiter wurde nicht mehr gebraucht. Aber nun waren sie da und blieben und wurden immer mehr. In der Bevölkerung wuchsen die Ressentiments, man konnte es an allen Ecken hören. Wenn der Nil zu wenig Wasser brachte und die Nahrungsmittel knapp wurden, war das die Strafe der Götter für die Hebräer, die ihren eigenen Gott anbeteten. Wenn der Nil zu viel Wasser brachte und die Überschwemmungen zu stark waren, war es die Strafe der Götter für die Hebräer. Die Hebräer waren schuld, wenn das Wasser zu spät kam und sie waren schuld, wenn das Wasser zu früh kam. Sie waren an allem schuld. Es hilft manchen, wenn sie einen Sündenbock finden. Und für populistische Politiker sind Sündenböcke ein gefundenes Fressen.

Also gab die Regierung dem Druck nach und griff zu Zwangsmaßnahmen. Die Hebräer durften jetzt nicht mehr arbeiten, sie mussten arbeiten. Arbeitseinsätze dafür, dass sie im Land bleiben durften.

So also, liebe Gemeinde, beginnt die Geschichte des Volkes Israel. In dem Moment, in dem Israel als Volk in der Bibel und in der Weltgeschichte in Erscheinung tritt, in dem Moment auch, in dem sich die den Erzvätern gegebenen Verheißungen dass ihre Nachkommen ein großes und zahlreiches Volk werden, zu erfüllen beginnen, kippt auch schon die Stimmung und die Gegenkräfte wachsen. In dem Moment, in dem dieses Volk auf der Weltbühne erscheint, braut sich schon das Unheil über ihm zusammen.

Nun erst beginnt die eigentliche Erzählung. Nun wird es lebendig und indem es lebendig wird, wird es tödlich. Unterdrückung ist noch nicht die letzte Stufe der Diskriminierung. Ihre Vollendung ist die Vernichtung.

Und der König von Ägypten sprach zu den Hebammen der Hebräerinnen - die eine hieß Schifra, die andere Pua - und sagte: Wenn ihr die Hebräerinnen entbindet, gebt acht bei der Geburt: Ist es ein Sohn, so tötet ihn, ist es aber eine Tochter, so kann sie am Leben bleiben.

Die Hebammen aber fürchteten Gott und handelten nicht, wie der König von Ägypten es ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Knaben am Leben. Da rief der König von Ägypten die Hebammen und sagte zu ihnen: Warum habt ihr das getan und die Knaben am Leben gelassen? Und die Hebammen sagten zum Pharao: Die Hebräerinnen sind nicht wie die ägyptischen Frauen. Sie gebären wie die Tiere, noch bevor die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren. Und Gott ließ es den Hebammen gut gehen, und das Volk mehrte sich und wurde sehr mächtig.

Hat das stark gewordene Israel nur zwei Hebammen? Spricht der mächtige Pharao direkt mit den beiden Hebammen? Wenn es um die Rettung Israels geht, konzentriert sich die biblische Erzählung auf Einzelne. Noch bevor der große Retter Mose im nächsten Kapitel als selbst geretteter Hebräer in einem Körbchen den Nil daher gleitet, werden zwei kluge Frauen zu Retterinnen ihres Volkes. Schifra und Pua. Sie spielen in der Bibel weiter keine Rolle mehr. Aber weil sie hier an entscheidender Stelle gottesfürchtig und gewitzt waren, werden ihre Namen überliefert.

Die Lage hatte sich dramatisch zugespitzt. Alle Unterdrückung war nicht genug, jetzt beschließt der Herrscher einen Genozid: Alle Jungen sollen getötet werden, die Mädchen können am Leben bleiben. Sie werden später von Ägyptern geheiratet und zu Ägyptern werden.

Am Freitag jährt sich zum 80. Mal die Pogromnacht. Es blieb nicht bei der Diskriminierung der Juden, nicht bei der Plünderung ihrer Geschäfte und dem Raub ihres Besitzes. Wenige Jahre später beschlossen die Nazis den Genozid der Juden.

Mit dem Beschluss zum Genozid beginnt die Geschichte des Volkes Israel im 2. Mosebuch. Dieser Genozid konnte zunächst abgewendet werden. Weil zwei Hebammen Gott fürchteten, haben sie sich dem Befehl des Pharao widersetzt. Gottesfurcht, Frömmigkeit, das Gewissen motiviert sie zu zivilem Ungehorsam. Ja, mehr noch: Als sie vom Pharao zur Verantwortung gezogen werden, wissen sie Antwort. Die Hebräerinnen gebären schnell. Noch bevor die Hebammen kommen, sind die Kinder schon da. Diese Antwort ist nicht ohne Witz.

Das Drama geht noch weiter. Der Pharao hält an seinem Genozidbeschluss fest. Er beauftragt jetzt sein eigenes Volk mit dessen Durchführung. Aber die Hebräerinnen bleiben schlau. Eine legt ihren Sohn in ein Körbchen und lässt es den Nil hinuntergleiten in die Hände der im Nil badenden Tochter des Pharao. Die Tochter dessen, der die Jungen der Israeliten töten will, zieht einen solchen Jungen auf. Sie nennt ihn Mose. Als Amme engagiert die Pharaonentochter die Mutter des Jungen.

So wird der Erzählfaden in die Geschichte eines Volkes verwebt, das von Anfang an bedroht ist. In den biblischen Anfängen haben die Rettungserzählungen noch eine fast komödiantische Pointe, später, als sich diese Geschichten in der realen Weltgeschichte fortspinnten, konnte niemand mehr eine komödiantische Pointe finden.

Aber diese Geschichten vom Volk Israel sind auch Geschichten von Menschen. Sie zeigen Menschlichkeit und dies in bisweilen überraschenden Details. Dass Kinder schnell auf die Welt kommen, noch bevor die Hebamme im Kreissaal ist, das kommt vor – nicht nur bei den Hebräerinnen. Ich habe es jüngst wieder in einem Taufgespräch gehört.

Gott ist unsichtbar. In dieser Geschichte bleibt er im Hintergrund. Er erscheint nicht, er redet nicht einmal. Die beiden Frauen retten ihr Volk, nicht weil Gott es ihnen sagt, sondern weil sie es fühlen, dass sie das tun müssen. Man kann es Glauben nennen oder Gottesfurcht, man kann es Gewissen nennen oder Verantwortung. Wenn wir wissen, was zu tun ist, um das Leben zu retten, dann hat Gott sich in uns drinnen zu Wort gemeldet, dann ist das ein Gottesbeweis.

Amen.