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Predigt über 2. Kor 5,14-18 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 22.01.2017

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Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben, dass einer für alle gestorben ist und so alle gestorben sind. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde. Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.

Liebe Schwestern und Brüder, Männer und Frauen, Junge und Alte, Deutsche und Franzosen, Afrikaner und Europäer, Katholiken und Protestanten!

Die drängende Liebe Christi bringt uns zusammen.

Keiner sah den anderen an, wenn sie sich begegneten. Nun schauen sie sich wieder in die Augen. Zwei, die nur schlecht übereinander geredet haben, reden jetzt wieder miteinander. Zwei, die sich aus dem Weg gegangen sind, wohnen jetzt zusammen.

Gruppen, die sich die Köpfe eingeschlagen haben, reichen sie sich jetzt die Hände.

Versöhnung, liebe Gemeinde. So was gibt es.

Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Und dann geschieht es: Versöhnung.

Es gibt Versöhnung – auch in dieser Welt, trotz allem. Zwischen Eltern und Kindern, zwischen Paaren, zwischen Nachbarn, unter Kollegen. Und es ist ein Wunder.

Es gibt das auch im Großen. Zwischen Deutschen und Franzosen nach schlimmen drei Kriegen. Zwischen Schwarzen und Weißen in Südafrika. Zwischen Hutus und Tutsi in Ruanda. Zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland. Zwischen Regierung und Rebellen in Kolumbien.

Vielleicht auch mal zwischen Sunniten und Schiiten.

Versöhnung. Das gibt es. Im Kleinen und im Großen. Es ist ein Wunder. Es komme - meint Paulus - von Christus. Seine Liebe mache das Wunder. Sie umgebe uns, ja, sie dränge uns zur Versöhnung.

Diese Liebe macht Druck. „L’amour du Christ nous presse“, heißt es in einer franz. Übersetzung. Die Liebe Christi drängt uns, übersetzt Luther. Das griechische Wort heißt zusammenhalten, umzingeln, festhalten, aber auch antreiben, bedrängen. Die Züricher Bibel übersetzt deshalb: „Die Liebe Christi umgibt uns.“ Das ist auch richtig, aber fast zu schwach. In einer anderen franz. Übersetzung heißt es: „l’amour du Christ nous étreint.“ Das bedeutet: umschließen, umarmen, um klammern, aber auch beklemmen.

Die Liebe Christi: Das ist die große Umarmung Gottes, überwältigend freundlich, bezwingend herzlich, aber eben mit Nachdruck. Man kann sich dieser Freundlichkeit nicht entziehen, eine Herzlichkeit, die man sich nicht von Leibe halten kann.

Vielleicht sollte man sie besser eine beschämende Liebe nennen. Manchmal beschämt dich eine Liebe:

Du kommst zu Fremden Menschen ins Haus und sie nehmen dich auf, als seist du – ein Fremder - ihr eigenes Kind. Sie tischen alles auf, was sie im Kühlschrank haben und öffnen ihre beste Flasche Wein. Sie geben dir gar das eigene Bett und schlafen selbst im Stall. Eine beschämende Gastfreundschaft.

Und wenn der, der dich so freundlich aufgenommen hat, dich auch noch schützt, weil du sein Gast bist und weil ein Gast heilig ist, dich verteidigt vor den Feinden auf Leben und Tod, gar selbst sein Leben einsetzt, damit deines bewahrt bleibt, dann bist du überwältigt und kannst dich nicht mehr distanziert halten.

Die Bibel erzählt Geschichten der überwältigenden Gastfreundschaft: Lot nahm in Sodom Fremde auf. Er schützte sie vor den üblen Absichten der Einwohner Sodoms und gab lieber seine beiden Töchter heraus als die Fremden.

Was Lot mit zwei Fremden tat, tat Gott mit allen Menschen. Alle, die sich von ihm entfremdet haben und die nun wieder heiliges Gastrecht bei ihm haben. Und als der Tod an die Tür klopfte und uns forderte, weil der Tod meinte, wir gehörten ihm und er hätte ein leichtes Spiel mit uns, weil wir Gott nicht mehr gut genug seien, da verteidigte uns Gott vor dem Tod und gab statt unser seinen Sohn heraus.

So bekamen wir ein neues Leben.

Gottes Gastlichkeit, eine beschämende Freundlichkeit, eine bedrängende Liebe. Die Liebe Gottes, das ist nicht einfach nur so ein dahergesagtes: I love you! Sie ist wertvoll, sie hat viel gekostet. So viel wie ein ganzes Leben.

Und deshalb wirkt sie. Es gibt immer wieder Menschen, die so überwältigt sind von Gottes Großzügigkeit, dass sie nicht anders können, als sich ihrerseits zu versöhnen oder dafür zu sorgen, dass andere sich aussöhnen.

Deshalb gibt es Versöhnung. Deshalb gibt es dieses Wunder.

Wenn jemand in Christus ist, dann ist das eine neue Schöpfung, sagt der Apostel. Das Alte sei vergangen, Neues ist geworden. Die drängende Liebe Christi macht die Welt neu.

Wenn zwei wieder miteinander reden, wenn zwei sich wieder in die Augen schauen, wenn sich wieder die Hände geben, wenn zwei wieder zusammen wohnen in einem Haus, in einem Kiez, in einer Stadt, in einem Land, dann ist die Welt an einer Stelle neu geschaffen worden. Die Liebe Christi hat gedrängt, Gott sei Dank. L’amour du Christ a pressé – grâce à Dieu.

Amen.