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Predigt über 1. Mose 18,1-15 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 23.12.2018

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Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freut euch! (Phil 4,4)

Liebe Gemeinde, wer sich freut, lacht. Und wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Zu allerletzt wird im Himmel gelacht. Das ist kein Witz, obwohl unzählige Witze im Himmel spielen. Am Eingang zum Himmel gibt es zwei Türen, die eine für Männer, die von ihren Frauen unterdrückt werden, davor wartet eine riesige Schlange Männer, die andere für die übrigen Männer, davor steht nur einer. „Wieso stehen Sie allein hier und alle anderen stehen drüben an?“, wird der eine gefragt: „Meine Frau hat gesagt, ich soll mich hier anstellen.“

Sie kennen sicher auch Witze, die im Himmel spielen, mit Türen und Petrus oder mit Himmel und Hölle. Das ist eine Form christlichen Humors, die den Glauben nicht beschädigt, sondern – im Gegenteil – ihm gut tut. Der Blick in den Himmel relativiert die irdischen Verhältnisse, die wir manchmal allzu verbissen nehmen, zeigt aber auch, wie sehr wir gedanklich in gerade diesen Verhältnissen verhaftet sind.

Karl Barth, der Theologe, Evangeliums- und Mozartliebhaber (nächstes Jahr ist Karl-Barth-Jahr, im Jan. gibt es hier eine Ausstellung zu ihm) hatte Humor. Als ihn mal eine alte Dame fragte, ob sie im Himmel all ihre Lieben wiedersehe, soll er einer Anekdote zufolge geantwortet haben: „Ja. Aber die anderen auch.“

So war auch ihm klar, dass er, als er sich selbst einmal probehalber in den Himmel versetzte, nicht nur Theologen sehen würde und ihm einer, der kein Theologe war, viel wichtiger sein würde. „Ich habe zu bekennen, - schrieb er einmal - dass ich, wenn ich je in den Himmel kommen sollte, mich dort zunächst nach Mozart und dann erst nach Augustin und Thomas, nach Luther, Calvin und Schleiermacher erkundigen würde.“

Man erkennt daran, dass die gedankliche Himmelsreisen den Horizont zwar ein wenig weitet, dass wir jedoch nie ganz aus dem durch die Zeit geprägten Denken herauskommen. Barth erkundigt sich nicht nur Theologen – immerhin – aber er erkundigt sich nur nach Männern. Was ist mit seiner Frau, mit seiner Geliebten? So weit reichte bei Barth die Entgrenzung durch die Himmelsreise nicht, sich vorzustellen, dass dort auch Frauen sein könnten, mit denen es interessant wäre, sich zu unterhalten.

Nun sind wir 50 Jahre weiter und es dürfte selbst für die Männer keine Zumutung mehr sein, sich auch Frauen im Himmel vorzustellen.

Genau das tun wir jetzt, wohl wissend, dass solche nicht ganz ernst gemeinten Glaubensübungen zwar den Horizont weitet, aber das Gravitationsfeld irdischer Verhältnisse nie ganz überwinden können.

Was also tun vier Mädels, die sich im Himmel treffen, nachdem sie sich lange Zeit nicht mehr gesehen haben? Sie machen einen  fröhlichen Mädelsabend, erzählen die alten Geschichten und lachen viel. Sie suchen sich ein Frauenzimmer für die Frauenzimmer und knallen uns Männern die Tür vor der Nase zu. Das Gelächter, das von drinnen nach draußen schallt, lässt mir natürlich keine Ruhe, ich druckse mich vor der Tür herum und mache lange Ohren. Ich erkenne die Stimme von Sara, von Hanna und von Elisabeth. Aber da ist noch eine drin.

Die drei erzählen sich – wie immer, wenn sie sich treffen – ihre Geschichten, die alle irgendwie gleich sind, dass sie keine Kinder kriegen konnten und dann doch noch eins bekamen, als sie schon viel zu alt waren. Es ist der „running Gag“ durch die Bibel. Sara bekam den Isaak, der Erzvater in der zweiten Generation wurde, Hanna bekam den Samuel, der Prophet wurde, und Elisabeth den Johannes, der Täufer wurde.

Wer zuerst lacht, lacht am besten: Sara lachte zuerst. Hier ist ihre Geschichte, sie ziemlich am Anfang der Bibel im 18. Kap. der Genesis:

Und der HERR erschien Abraham bei den Terebinthen von Mamre, während er am Eingang des Zelts saß, als der Tag am heißesten war. Er blickte auf und schaute sich um, sieh, da standen drei Männer vor ihm. Und er sah sie und lief ihnen vom Eingang des Zelts entgegen und warf sich nieder zur Erde.

Und er sprach: Herr, wenn ich Gnade gefunden habe in deinen Augen, so geh nicht vorüber an deinem Diener.

Es soll etwas Wasser geholt werden, dann wascht eure Füße und ruht euch aus unter dem Baum. Ich will einen Bissen Brot holen, dass ihr euch stärken könnt, danach mögt ihr weiterziehen. Denn deswegen seid ihr bei eurem Diener vorbeigekommen. Sie sprachen: Mach es so, wie du es gesagt hast.

Da eilte Abraham ins Zelt zu Sara und sprach: Nimm schnell drei Sea Mehl, Feinmehl, knete es und backe Brote. Auch zu den Rindern lief Abraham, nahm ein zartes, schönes Kalb und gab es dem Knecht, und der bereitete es eilends zu. Dann nahm er Butter und Milch und das Kalb, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor. Er selbst wartete ihnen auf unter dem Baum, und sie aßen.

Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er sprach: Da drinnen im Zelt.

Da sprach er: Fürwahr, übers Jahr werde ich wieder zu dir kommen. Dann hat Sara, deine Frau, einen Sohn. Sara aber horchte hinter seinem Rücken am Eingang des Zelts.

Abraham und Sara aber waren alt und hochbetagt; Sara ging es nicht mehr, wie es den Frauen zu gehen pflegt.

Und Sara lachte bei sich: Nun da ich verbraucht bin, soll ich noch Liebeslust empfinden, und auch mein Herr ist alt.

Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und sagt: Sollte ich wirklich noch gebären können, da ich doch schon alt bin?

Ist denn irgendetwas unmöglich für den HERRN? Übers Jahr um diese Zeit werde ich wieder zu dir kommen. Dann hat Sara einen Sohn.

Sara aber leugnete: Ich habe nicht gelacht. Denn sie fürchtete sich. Er aber sprach: Doch, du hast gelacht.

„Das also, Mädels, ist meiner Geschichte“, sagte Sara. „Ihr kennt sie ja.“ – „Aber sie ist immer wieder köstlich!“, warf Hanna ein. „Und was hat dein Mann zu dem ganzen gesagt?“, fragte Elisabeth.

„Ach der! Der war völlig überfordert. Der ist doch immer überfordert, wenn hoher Besuch kommt. ‚Sara mach mal, schnell‘ Rennt hektisch in der Gegend rum und wenn das Essen endlich fertig ist, hockt er sich unter einen Baum und schaut dem Besuch beim Essen zu. Nix hat er gesagt. Männer sind immer sprachlos, wenn du ihnen mitteilst: Ich krieg ein Kind. Und sie nicht damit gerechnet haben.“ – „Damit rechnen sie nie!“. Das war Hannas Stimme.

„Der war eingeschnappt, weil die drei nicht wegen ihm gekommen sind, sondern wegen dir“, warf Elisabeth ein. – „Ja, das auch“, gab Sara zu.

Da meldete sich Maria, die ewig junge, die der Unterhaltung ihrer älteren Freundinnen bisher mild lächelnd gelauscht hatte: „Wer waren die drei Männer eigentlich? Manche sagen, es sei Gott selbst gewesen. Aber es waren doch drei, oder?“ – „Was weiß ich!“, erwiderte Sara. „Abraham tat jedenfalls so, als sei Gott höchstpersönlich zu ihm zu Besuch gekommen. Etwas kam allerdings auch mir sonderbar vor: Die drei waren sich in allem einig. Eben auch darin, dass ich alte Frau noch ein Kind kriegen sollte. Sie sagten es alle drei wie aus einem Mund.“

„Und da hast du gelacht?“, fragte Maria.

„Klar hat sie gelacht“, unterbrach Hanna, „Ihr wisst ja, wie verzweifelt ich vorher war. Wie sollte ich mich da nicht freuen, nachdem der Priester mir gesagt hatte, meine Gebete werden erhört und ich dann tatsächlich schwanger wurde. Und du, Elisabeth, du hast doch auch gelacht?“ – „Ja, ich habe gelacht, innerlich habe ich sehr gelacht, fünf Monate lang.“ (Lk 1,24f)

Maria erhob sich und ging zur Tür und steckt ihren Kopf durch den Spalt. „Was machst du da?“, fragte Sara.

„Ich sehe nach, ob er lauscht.“ – „Wer?“ – „Der Herr, drei Mann hoch.“ – „Wieso, willst du nochmal schwanger werden?“ – „Nein“, sagte Maria und schloss die Tür. „Ich weiß nur nicht, wie er reagiert, wenn er uns so lachen hört. Aber die Luft ist rein.“

Sara klopfte sich auf die Schenkel: „Früher war die Luft im Himmel reiner. Bald kommt das Dieselfahrverbot auch in den Himmel. Spaß beiseite. Du hast Recht, Maria. Das war der skurrilste Moment in meinem Leben.“

„Hast du nun gelacht oder hast du nicht gelacht?“, wollte Hanna wissen. „Natürlich habe ich gelacht“, gab Sara zu. „Wieso soll man nicht lachen, wenn man sich freut? Man freut sich doch immer über Kinder, selbst im hohen Alter, nicht wahr Elisabeth, und dann lacht man eben?“ – „Ja“, gab Elisabeth zu, „aber Sara, sei ehrlich, du hast nicht deswegen gelacht! Da war doch noch was anderes im Spiel?“

Alle blickten auf Sara. Die schaute verlegen auf den Boden des Himmels und ließ sich viel Zeit mit der Antwort. „Also ja, ähm, ich hab das nicht geglaubt. Ich habe das für Quatsch gehalten. Abraham war überzeugt, Gott habe uns da etwas mitgeteilt. Aber ich habe keinen Gott gesehen. Ich habe nur drei Männer gesehen, die sich über mich lustig machten und anzüglich Bemerkungen machten. Da habe ich halt mitgelacht und zurückgespottet. Wat willste denn anderes machen als Frau? Nee, meine Herren, hab ich gesagt, wenn ihr jetzt denkt, dass ich in meinem Alter mit dem ollen Abraham da noch genüsslich rummache… Und auf ein Mal, hab ich gemerkt, war Gott beleidigt. Rechneste doch nich damit. Richtig eingeschnappt war der.“

Maria blickt Sara in die Augen. „Du hast es nicht geglaubt.“

„Nein, ich habe es nicht geglaubt. Und du, mein Kind, hast du geglaubt, was dir dein Besuch versprochen hatte?“ Maria schwieg. Sara gab nicht auf: „Sag schon! Hast du es geglaubt? Du warst extrem jung und hattest noch keinen Freund. Jedenfalls wissen wir von keinem.“ Maria schwieg.

Dann fing sie leise, sehr leise an zu singen: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen…“ Noch während Maria ihr Lied sang, vernahmen die drei anderen von draußen ein immer lauter werdendes Singen und Schallen. Hanna öffnete die Tür und wich zurück. Ein gewaltiger Sound schwappte in das gemütliches Frauenzimmer: Ein riesiger Männerchor war vor dem Frauenzimmer abgetreten und schmetterte im fortissimo, es war fast ein Brüllen: „… wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit!“ Wie ein Donner hallte der Schlussakkord eine kleine Ewigkeit durch den Himmel. Tausende weit aufgerissene Männeraugen starrten in das kleine Zimmer hinein in Erwartung des tosenden Applauses der gleich losbrechen müsste. Sara schloss schnell die Tür. „Hat es Maria nun geglaubt oder nicht?“ – „Die ganzen Jungs da draußen glauben jedenfalls fest, dass sie es geglaubt hat“, warf Elisabeth ein. „Jetzt sag endlich, Maria? Hast du es geglaubt, dass du ein Kind kriegen wirst oder nicht?“ Maria aber schwieg.

Da prusteten Sara, Hanna und Elisabeth gleichzeitig los und kriegten sich kaum mehr ein. Maria aber lächelte.

Und wir, liebe Gemeinde, kommen wieder zurück auf die Erde und singen: „Die Welt ist mir ein Lachen“.

Amen.