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Predigt über 1. Mose 12,1-5 (Pfrin. M. Waechter) vom 01.07.2018

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121 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde.

2 Ich will dich zu einem grossen Volk machen und will dich segnen und deinen Namen gross machen, und du wirst ein Segen sein.

3 Segnen will ich, die dich segnen, wer dich aber schmäht, den will ich verfluchen, und Segen sollen durch dich erlangen alle Sippen der Erde.

4 Da ging Abram, wie der HERR es ihm gesagt hatte, und Lot ging mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er von Charan auszog.

5 Und Abram nahm Sarai, seine Frau, und Lot, den Sohn seines Bruders, und all ihre Habe, die sie besassen, und die Leute, die sie in Charan erworben hatten, und sie zogen aus, um ins Land Kanaan zu gelangen, und sie kamen ins Land Kanaan.

 

Zunächst der Aufruf:

Geh! Ja, geh! Geh los! Mach dich auf, mach dich auf den Weg.

Lass zurück, was dich prägte, alles, was dich zu dem gemacht hat, der du bist. Verlass dein Land, deine Heimat. Verlass deine Familie. Verlass deine Eltern. Geh weg und finde dich neu. Finde dich als der, der du sein sollst. Sei unabhängig von deiner Heimat und deiner Familie. Gehe neue Wege.

Geh! Ja, geh!

Geh in die Fremde, in die Heimatlosigkeit, in die Ungewissheit, in die offene Zukunft.

Geh! Ja, geh!

Liebe Gemeinde, ich frage Sie: Wer würde gehen? Wer würde auf diesen Ruf hören? Ich? Sie?

Zunächst der Aufruf, dann die Zusage:

Du gehst und ich gehe mit dir. Ich verspreche es dir. Ich will mit dir gehen. Ich will dich segnen. Ich will deinen Namen groß machen. Ich will dich zu einem großen Volk machen. Ich will dir bei allem, was geschieht, zur Seite stehen.

Ich stelle keine Bedingungen. Ich sage nicht: wenn du gehst, dann gehe ich mit. Wenn du mir gehorchst, dann belohne ich dich. Wenn du deine Familie verlässt, dann schenke ich dir eine neue. Wenn du Gutes tust, dann bleibe ich bei dir. Nein.

Ich rufe und binde mich selbst an dich. Du gehst. Ich gehe mit dir.

Liebe Gemeinde, ich frage Sie: Wer würde dieser Zusage Glauben schenken? Wer würde darauf vertrauen? Ich? Sie?

Abram hört den Aufruf. Abram hört die Zusage. Und da ging Abram. Abram geht weg, geht los. Verlässt sein Land, seine Heimat, seine Verwandtschaft, das Haus seiner Eltern.

Abram ist nicht in Not. Er ist nicht auf der Flucht. Ihn treiben keine äußeren Umstände an.

Er ist nicht neugierig und abenteuerlustig. Er bricht nicht auf, um die Welt zu entdecken. Er macht keine Reise. Abram ist nicht jung und ungestüm. Er ist schon alt.

Abram geht! Er geht, wenn auch nicht ganz allein. Er geht mit seiner Frau Sara und seinem Neffen Lot und anderen Menschen, die zu ihm gehören. Und doch ist es ein großer Schritt. Er geht mit ihnen in die Fremde, in die Heimatlosigkeit, in die Ungewissheit, in eine offene Zukunft.

Abram hört den Aufruf. Abram hört die Zusage. Und geht. Warum?

Abraham glaubt an Gott! Abraham hört die Verheißung. Abraham vertraut der Zusage. Diese Zusage ist ihm wichtiger als alles andere, wichtiger als seine Heimat, wichtiger als seine Herkunft.

Er verlässt sein Land. Gott geht mit ihm. Er verlässt seine Verwandtschaft. Gott geht mit ihm. Er verlässt seine Heimat. Gott geht mit ihm.

In der Fremde, in der Heimatlosigkeit, in der Ungewissheit und der offenen Zukunft ist Gott die Konstante seines neuen Lebens.

Für Paulus ist Abraham ein Vorbild im Glauben (Rö 4). Und wir kennen diese radikalen Aufrufe auch aus dem neuen Testament. Da sind die Fischer um Petrus, die alles zurücklassen, Heimat und Familie, Beruf und Verwandtschaft, um Jesus nachzufolgen (Lk 5). Lass alles zurück und folge mir – sagt Jesus immer wieder (Mk 10,21; Mt 8, 18ff.). Diese Aufrufe klingen lieblos. Sie machen sprach- und ratlos. Und bringen dieselben Fragen hervor, wie bei Abram:

Wer würde gehen? Wer würde auf diesen Ruf hören? Ich? Sie?

Wer würde dieser Zusage Glauben schenken? Wer würde darauf vertrauen? Ich? Sie?

Wessen Glaube ist wie der Glaube Abrams oder Petrus?

Letzten Sonntag haben wir hier im Gottesdienst unsere neuen Gemeindemitglieder vorgestellt und begrüßt. Ich habe gesagt, dass ich mich freue, dass sie den Weg zu uns in unsere Gemeinde gefunden haben. Und ihnen gewünscht, dass sie hier ein Zuhause finden mögen. Und das habe ich nicht nur so gesagt, sondern ich glaube fest daran. Ja, ich glaube, die Kirche und eine Kirchengemeinde können wie ein Zuhause sein. Gemeinschaft im Glauben kann Geborgenheit und Zugehörigkeit schenken. Auch Ruhe, Schutz oder Sicherheit.

Aber Abrams Glauben zeichnet sich dadurch aus, dass er im Vertrauen auf Gott, Ruhe, Schutz und Sicherheit aufgibt. Er vertauscht die Geborgenheit gegen die Heimatlosigkeit und geht in die Fremde.

Und Abram ist Vorbild im Glauben.

Sollte ich nächstes Mal bei der Begrüßung der neuen Gemeindemitglieder sagen: Ich freue mich, dass euer Weg euch hierher gebracht hat, aber euer Weg geht immer weiter. Hier sollt ihr kein Zuhause finden. Geht, geht los, bleibt Fremde. Lebt euren Glauben nicht in der Gemeinschaft der Französischen Kirche, sondern lebt euren Glauben auf Abram vertrauend: unterwegs, schutzlos, unsicher und auf Wanderschaft. - ?

Abram ist Vorbild im Glauben. Das Vorbildhafte seines Glaubens ist nicht, dass er alles zurücklässt.  Das Vorbildhafte seines Glaubens ist, dass er Gott vertraut und sich von dessen Verheißungen leiten lässt.

Eigentlich ist Abram kein besonderer Mann. Nicht außerordentlich klug oder gut, nicht demütig oder stark. Er ist kein Held. Er scheint ein ganz normaler Mensch zu sein.

Und Gott segnet dieses Leben in dem Moment, in dem er seine Heimat verlässt, das Leben eines kinderlosen alten Mannes in der Fremde.

Gottes Zusagen und Verheißungen erweisen sich als problematisch. Die Nachkommen lassen auf sich warten. Und alles, was uns in der Bibel von den Söhnen Ismael und Isaak berichtet wird, ist äußerst problematisch.

Abrams Leben bleibt sein Leben lang ein Leben voller Brüche und ohne Erfüllung und wird dennoch als solches gesegnet.

Abraham ist Vorbild im Glauben genau darin: Er erwartet nicht, dass sein Glaube sich schnell irgendwie auszahlt. Er vertraut ohne Beweis, ohne Bedingung, ohne Gegenleistung. Er erwartet kein Glück, keinen Erfolg, keine Gesundheit, keine Heimat. Er vertraut Gott trotz allem. Und hofft trotz allem. Und blickt offen in die Zukunft trotz allem.

Und dieses Vertrauen gibt ihm Geborgenheit und Schutz und Sicherheit. Dieses Vertrauen gibt ihm Zugehörigkeit in der Heimatlosigkeit, Gewissheit in der Ungewissheit, Hoffnung in der offenen Zukunft. Gott ist die Konstante seines neuen Lebens. Gott selbst wird ihm zur Heimat.

Und in dieser Hinsicht ist Glauben doch Zugehörigkeit, Geborgenheit, Schutz und Sicherheit.

Wie wäre es, wenn ich die Begrüßung der neuen Gemeindemitglieder so formulieren würde:

Ich freue mich, dass Sie den Weg in unsere Gemeinde gefunden haben. Und ich freue mich gemeinsam mit Ihnen darüber nachzudenken, was es bedeutet zu glauben. Glauben ist schwer. Gott vertrauen ist schwer. Weil sich Gottes Zuwendung oft nicht unmittelbar zeigt. Unser Leben ist davon gekennzeichnet, dass es nicht glatt geht. Unser Leben ist voller Brüche und Rückschläge. Wir wandern oft verloren durch die Zeit und die Welt und finden keine Heimat. Trotzdem ist uns verheißen, dass Gott mit uns geht. Und es ist einfacher, sich immer wieder gemeinsam daran zu erinnern. Deshalb ist es schön, dass Sie zu dieser Gemeinde gehören wollen. Nicht weil es hier so besonders nett ist. Das ist es auch. Aber das ist nicht der Grund, warum wir zusammen kommen. Sondern weil wir uns von Gott ins Leben rufen lassen und seinen Zusagen vertrauen wollen.

Und noch etwas möchte ich gerne den neuen Gemeindemitgliedern sagen und nicht nur denen, sondern auch Ihnen und allen Menschen. Denn Sie alle hat Gott gemeint, wenn er zu Abram sagt:

und Segen sollen durch dich erlangen alle Sippen der Erde.

Segen zeigt sich nicht in Glück, Gesundheit, Erfolg, vielen Nachkommen oder Heimat.

Gesegnet sein bedeutet: von Gott angesehen sein. Der sein Angesicht erhebt über dir und leuchten lässt, dir gnädig ist und Frieden schenkt. Nicht weil du besonders toll, schlau, erfolgreich bist, sondern weil du du bist, Abrahams Kind.

Amen