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Predigt über 1. Korinther 9,24-27 zum Marathon (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 25.09.2016

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Berlin, letzter Sonntag im September. 40.000 Menschen, dreiviertel Männer, ein Viertel Frauen, 1600 angereiste Chinesen laufen durch die Stadt, 42.195 m.

Marathon, 42,195 km von Athen entfernt, 33423 Einwohner, ungefähr so viele Frauen wie Männer.

Von Marathon nach Athen lief 490 vor Christus Pheidippides, um mit letztem Atem zu sagen: „Wir haben gesiegt!“ und auf dem Areopag tot zusammenzubrechen.

Auf dem Areopag redete Paulus ca. 65 n. Chr. zu den Interessierten, zu Menschen aller Herren Länder, vermutlich noch keine Chinesen aber überwiegend alte Männer: Durch einen Mann habe Gott die Erde gerichtet, verkündete er. Gott habe diesen einen Menschen beglaubigt, indem er ihn von den Toten habe auferstehen lassen. Als Paulus von der Auferstehung redete, so vermerkt die Apostelgeschichte, liefen die meisten davon und zeigten ihm den Vogel. Die alten Männer von Athen bringt nichts so leicht aus der Ruhe der Skepsis. Dann lief auch Paulus davon und ging nach Korinth.

Korinth, zwei Marathonläufe von Athen entfernt, drei von Marathon. Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth:

Ihr wisst doch: Die Läufer im Stadion, sie laufen zwar alle, den Siegespreis aber erhält nur einer. Lauft so, dass ihr den Sieg davontragt!

Alle laufen durch die Stadt, den Siegespreis aber erhält nur einer. Ein Kenianer oder ein Äthiopier, so viel ist sicher. Die Leute aus Ostafrika haben die schnellsten Beine. Die anderen laufen trotzdem, auch mein Freund.

Von ihm, meinem Freund, und von einem anderen Freund will ich erzählen. Sie sind sehr verschieden und haben doch einiges gemein. Den Namen etwa: beide heißen Paulus. Und beide laufen für ihr Leben gern. Aber der eine lebte vor fast 2000 Jahren und lief durch Kleinasien und Griechenland und der andere, mein Freund, läuft gerade da draußen irgendwo durch die Stadt. Dass mein Freund mit Nachnamen auch Paulus heißt, wie der Apostel, gibt ihm manchmal zu denken. Er fragt sich, ob ihn das verpflichte, mehr an Christus zu glauben als andere. Aber soweit ich meinen Freund kenne, hat er diese Frage vor einiger Zeit mit Nein beantwortet – ein für allemal.

Auch der andere Paulus, der alte, lief. Er lief für das Evangelium: von Kleinasien nach Zypern, von Zypern nach Syrien, von Syrien nach Griechenland, von Athen nach Korinth, von Korinth nach Tessaloniki, von dort nach Ephesus, nach Jerusalem und zurück und so weiter, soweit die Füße trugen. Auch nach Rom wollte er noch laufen, vielleicht gar nach Spanien. Keiner lief so viel wie dieser Apostel. Viele Marathons für das Evangelium.

Für was läuft er eigentlich so viel? Warum macht er das? Was treibt ihn an? Was ist so stark, dass er diese Strapazen auf sich nimmt?

Warum also läuft Paulus so viel? Warum nimmt er all die Strapazen auf sich? Woher nimmt er die Kraft?

Paulus schreibt den Korinthern:

Ihr wisst doch: Die Läufer im Stadion, sie laufen zwar alle, den Siegespreis aber erhält nur einer. Lauft so, dass ihr den Sieg davontragt! Wettkämpfer aber verzichten auf alles, jene, um einen vergänglichen Kranz zu erlangen, wir dagegen einen unvergänglichen. Ich laufe also, aber nicht wie einer, der ziellos läuft, ich boxe, aber nicht wie einer, der ins Leere schlägt; vielmehr traktiere ich meinen Körper und mache ihn mir gefügig, denn ich will nicht einer werden, der anderen predigt, sich selber aber nicht bewährt. (1.Kor 9,24-27)

Mein Freund, der da draußen läuft, hat schon viele Marathons mitgemacht. Ich würde sagen: Er ist laufsüchtig. Er trainiert viel. Man muss seinen Körper auf die enormen Strapazen vorbereiten. Man muss sich 5 bis 6 Monate vorbereiten in einem disziplinierten Intervalltraining, man muss auf die Gesundheit und die Ernährung achten, auf Ruhepausen und sich vor Unterkühlung hüten. Und man muss viel trinken. Das vergaß mein Freund früher des öfteren und klappte ein-, zweimal zusammen. Die Nahtoderfahrungen haben ihn zwar beeindruckt, doch wiederholen möchte er sie nicht. Deshalb trinkt er viel, bevor er rennt.

Der alte Paulus traktiert auch seinen Körper. Er schrieb in seinen Briefen gern, was er alles durchmachte für das Evangelium, welche Gefahren und welche Entbehrungen er auf sich nahm. Fast hat man den Eindruck, er wolle damit seine Glaubwürdigkeit erhöhen. Man soll denken: Wenn einer solche Strapazen auf sich nimmt, muss ja was dran sein an dem, was er sagt. Er schrieb den Korinthern:

Ich laufe also, aber nicht wie einer, der ziellos läuft, …vielmehr traktiere ich meinen Körper und mache ihn mir gefügig, denn ich will nicht einer werden, der anderen predigt, sich selber aber nicht bewährt.

Mein Freund, der Marathonläufer, ist weit davon entfernt, anderen damit etwas zu beweisen. Nur sich selbst will er etwas beweisen. Er nimmt die Strapazen nicht wegen eines Siegespreises auf sich. Er ist Deutscher, kein Kenianer. In seiner Wohnung hängen ein paar Dutzend Medaillen, aber die kriegt jeder, der durchs Ziel läuft. Dafür macht er es nicht. Ich glaube, er macht es wegen des Gefühls danach.

Er liebt das Gefühl danach. Das Gefühl, es geschafft zu haben. Der Körper schüttet Endorphine aus. Man nennt sie auch Glückshormone. Man kann sich glücklich machen, z.B. durch einen Marathonlauf. Es wird gleich viele tausende glückliche Menschen in Berlin geben. Nur einer erhält den Siegespreis, aber 40.000 werden glücklich sein, erschöpft aber glücklich.

Gibt es auch Endorphine für Apostel? Paulus läuft für einen Sieg. Es ist aber nicht ein Sieg, den er selbst erringen wird, sondern ein Sieg, den ein anderer schon errungen hat. Deshalb kann Paulus wie Pheidippides am Ende seines Laufes auch tot umfallen. Er wird wieder auferstehen, weil ein anderer den Sieg schon errungen.

Der Sieg hat einen Namen: Christus. Wer mit Christus, dem Sieger, läuft, trägt auch den Sieg davon, einen unvergänglichen.

Gott aber sei gedankt, der uns den Sieg gibt in Christus, schreibt er nach Korinth (1.Kor 15,57; 2.Kor 2,14). Christus, das ist für ihn vor allem der Sieger über den Tod. Weniger ein Vorbild, weniger ein guter Freund, nicht so sehr ein lieber Mensch und Bruder. Christus, das ist der Sieger über den Tod. Der, der am Ende seines Laufes tot war, tot am Kreuz, aber auferstanden ist von den Toten und den Tod besiegt hat.

Es gab auch in Korinth Zweifler. Die alten skeptischen Männer, die nichts so schnell aus der Ruhe ihrer Skepsis bringt, die gibt es in Athen, in Korinth, in Berlin, sie sind überall. Wie kann das gehen, Auferstehung von den Toten? Das kann man schon fragen. Paulus regt sich aber ziemlich über diese Fragen auf. Als sei es unanständig, so etwas zu fragen. Wenn das nicht wahr ist, ist alles andere doch nur Blödsinn, meint er.

Und dann redet er sich ein langes Kapitel lang in Rage, das 15. seines ersten Briefs nach Korinth. Ich glaube, er hat wirklich geredet, gepredigt und ein Assistent hat’s versucht, aufzuschreiben. Und was so ein richtiger Redner und Prediger des Herrn ist, der redet sich heiß, redet sich außer Atem, die Gedankensprudelei lässt ihm keine Pause zum Luftholen. Und wenn einer so redet ohne Luft zu holen, so ein Dauerreden, Dauerlaufreden, so ein Marathonreden – Paulus hätte jeden Predigtmarathon gewonnen - dann kommen auch einem Prediger die Glückshormone, die Endophine überfluten ihm die Seele und dann fängt er an, zu singen und zu jubeln und  mit den Worten zu hüpfen und zu springen und sagt, kurz bevor er durchs Ziel rennt und dann wie tot aber selig zusammenbricht, wohlweißlich, dass er wieder aufstehen und auferstehen wird mit seinem Herrn und Sieger, sagt und singt also und ein anderer hat’s atemlos aufgeschrieben: Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): »Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus! (1.Kor 15,54-57).

Da liegt er, der Apostel, der Bote, erschöpft, aber glücklich.

Zweifel hin und her – die kann man sich ja immer leisten, so als freier Mensch und Geist. Aber wenn ich diese Zeilen in Brahms Deutschem Requiem höre, dann schüttelt’s mir auch die Endorphine aus der Hypophyse. Das ist so schön in Musik gesetzt, so mitreißend, das bringt jeden Zweifler zur Auferstehung, er müsste sich schon alle Ohren zuhalten, wenn er beschlossen hat, partout im Grab bleiben zu wollen. Da singt also der Chor, singen die Vielen den Paulus: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ Die Geigen laufen schnell drum herum, und dann mündet der Jubel in einen biblischen Lobgesang aus der Offenbarung in einer Fuge, die ja das Höchste in der Kunst der Musik ist: „Herr, du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft, denn du hast alle Dinge geschaffen.“ (Apk 4,11)

Wenn ich das höre, dann schüttelt es mich und schüttet mir die Glückhormone in die Seele, da kann ich gar nichts gegen machen, dann ist es einfach schön, an die Auferstehung zu glauben und macht glücklich. Da kann der Verstand am Rand stehen bleiben und zugucken, wie ihm die glückliche Seele davonrennt.

Lauft so, dass ihr den Sieg davontragt!

So lässt sich laufen: Den Lauf des Lebens mit glücklichem Verlauf, weil der Sieg schon errungen ist von einem anderen, einen, den Gott bestimmt hat, den Tod zu besiegen. Man kann daran zweifeln, kann skeptisch bleiben auf dem Areopag in Athen in aller Seelen Ruhe und dann in ewiger Ruhe. Aber wer das Zweifeln bleiben lässt, läuft leichter durch sein Leben, von Marathon nach Athen. Und wer dort tot umfällt, steht in Korinth wieder auf. Amen.