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Predigt über 1. Kor 7,29-32 (Pfrn. M. Waechter) vom 14.10.2018

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Liebe Gemeinde,

die biblischen Texte kommen aus einer lang zurückliegenden Zeit. Oft sind uns die Situationen, von denen wir lesen, die Gedankengänge und Redewendungen völlig fremd. Wenn Sie einen Bibeltext lesen oder hören und das Gefühl der Fremdheit sich bemerkbar macht, wie gehen Sie damit um?

Denken Sie: Dieser Text ist mir so fremd, damit kann ich gar nichts anfangen. Das ist nicht mein Thema. Dieser Text hat für mich keine Bedeutung.

Oder: Dieser Text ist mir so fremd, aber er steht in der Bibel und muss deshalb wichtig sein. Ich werde versuchen, mich darauf einzulassen, auch wenn mir das schwer fällt.

Oder: Dieser Text ist mir so fremd und genau deshalb finde ich ihn besonders interessant. Mich reizt die Fremdheit und mich interessieren die Unterschiede zu unserem heutigen Denken.

Oder: Dieser Text ist mir so fremd, aber ich bin mir sicher, dass es einen Anknüpfungspunkt gibt, eine Verbindung zu unserem Denken heute und ich will versuchen, diesen Anknüpfungspunkt zu finden.

Was empfinden Sie, wenn Sie unseren heutigen Predigttext hören?

Das sage ich aber: Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. Ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid.

Fremdheit 1:

Die Zeit ist kurz. Das Wesen dieser Welt vergeht.

Meine erste Reaktion ist: Das ist nicht mein Thema. Die Menschen damals in den ersten christlichen Gemeinden lebten in der Erwartung des bevorstehenden Weltendes. Sie glaubten fest an Jesu baldige Wiederkehr. Doch dazu kam es nicht. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2018 nach Christi Geburt. So viele Jahre sind seitdem vergangen.

Meine zweite Reaktion ist: Das ist zwar nicht mein Thema, aber die Situation der Menschen und ihr Blick auf die Welt ist dennoch interessant.

Meine dritte Reaktion ist: Trotz der anderen Situation und dem anderen Blick auf die Welt kann es einen Anknüpfungspunkt geben. Das Weltende erwarten wir nicht mehr zu unseren Lebzeiten. Die Frage nach der Endzeit ist nicht mehr unsere Frage. – Es ist wohl eine klimapolitische Frage geworden, aber keine Glaubensfrage mehr. –   Aber die Zeit eines jeden einzelnen Menschen ist natürlich begrenzt. Der Tod gehört zum Leben dazu. Leben mit dem Ende vor Augen. So könnte man Paulus Lebenseinstellung beschreiben.

Fremdheit 2:

Für das Leben mit dem Ende vor Augen gibt Paulus ungewöhnliche Ratschläge. Er empfiehlt ein Leben im Modus: Alsob-nicht.

Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht.

Leben im: Alsob-nicht:

Ich stelle mir ein Ehepaar vor. Sie leben so mit einander, als seien sie kein Ehepaar. Sie sehen sich nicht an. Sie berühren einander nicht. Sie tauschen keine Zärtlichkeiten aus. Sie besprechen ihre Sorgen nicht miteinander. Sie lachen nicht zusammen. Sie haben keine Pläne, keine gemeinsamen Kinder, keine Großfamilie. Ihre Gespräche drehen sich wenn überhaupt um die Organisation des Alltags.

Leben im Alsob-nicht:

Ein Mensch trägt großen Kummer auf dem Herzen. Aber er zeigt diesen Kummer nicht. Die Tränen werden hinuntergeschluckt. Die Traurigkeit wird übermalt. Die Sorgen und Ängste werden weggeredet. Der Kummer darf nicht zu sehen sein. Der Kummer darf das Leben nicht beeinträchtigen. Der Kummer lastet schwer auf dem Körper, aber der Körper muss sich dagegen wehren, gegen die schweren Schritte, gegen den krummen Rücken, gegen die traurigen Augen.

Leben im Alsob-nicht:

Ein Mensch freut sich. Etwas Wunderbares ist geschehen. Aber diese Freude bleibt verborgen. Nicht mal ein heimliches Schmunzeln oder ein Lächeln ist erlaubt. Die Freude, die sich im ganzen Körper ausbreitet, wird eingehegt. Bloß nicht nach außen dringen lassen. Die Leichtigkeit muss unterdrückt werden.

Leben im Alsob-nicht:

Meine erste Reaktion ist: Ist das nicht wahnsinnig?

Eine Ehe im Modus Alsob-nicht, ist die Zerstörung dieser Ehe.

Trauer, die unterdrückt wird, lässt einen Menschen verkümmern.

Freude, die nicht ausgelebt und geteilt werden darf, zerreist einen Menschen innerlich.  Beides ist Selbstzerstörung.

Meine zweite Reaktion ist: Ich möchte Paulus fragen: Warum, Paulus? Das kannst du doch nicht ernst meinen? Auch in der Zeit der Naherwartung, kurz vor dem Weltende, kann das doch keine Option gewesen sein? Warum Paulus?

Fremdheit 3, die gar nicht so fremd ist:

Paulus hat noch zwei Beispiele für das Leben im Alsob-nicht. Zwei Beispiele, die nicht ganz so irritieren:

Auch sollen die, die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht.

Dieses Alsob-nicht ist ein anderes. Denn es geht nicht darum, seine Nächsten und seine eigenen Gefühle zu verleugnen. Paulus warnt davor, sein Herz an materielle Dinge zu hängen und den Zwängen der Welt zu folgen.

 Meine erste Reaktion ist: Hier finde ich sofort einen Anknüpfungspunkt. Und ich frage: Paulus, kennst du Matthäus? Matthäus den Evangelisten? Nein, vermutlich seid ihr euch nie begegnet. Aber vielleicht hat Matthäus etwas von dir gelesen? Er hat sein Evangelium später geschrieben, da waren deine Briefe vielleicht schon im Umlauf.

Vielleicht kannte Matthäus Paulus Einstellung. Er findet dafür andere Worte:

Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motten und Rost sie zerfressen, wo Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost sie zerfressen, wo keine Diebe einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. (Mt 6,19)

Fremdheit 4

Ich hatte gefragt: Warum Paulus, warum dieses Leben im Alsob-nicht, das so selbstzerstörerisch klingt?

Zur Begründung schreibt Paulus: Ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid!

Paulus meint, wer sich nicht um seine Ehe kümmert, der habe keine Sorgen. Wer sich nicht um das kümmert, was ihn traurig macht, der habe keine Sorgen. Wer sich nicht um das kümmert, was ihm Freude bereitet, der habe keine Sorgen.

Meine Reaktion darauf ist: Dieser Text, diese Einstellung ist mir fremd, ich finde keinen Anknüpfungspunkt. In mir sträubt sich alles. Diese Fremdheit ist auch nicht in den 2000 Jahren begründet, die mich von Paulus trennen. Ich glaube, dass sein Entwurf vom Leben im Alsob-nicht  auch damals auf Befremdung gestoßen ist.

Fremdheit überwinden und 2000 Jahre im Gespräch überspringen

In der Lösung meiner Auseinandersetzung mit Paulus kommt mir Paulus selbst zur Hilfe. Im 7. Kapitel dieses Korintherbriefes geht es um Fragen, die Paulus aus Korinth gestellt wurden und die er nun im Brief beantwortet. Dabei geht es um Ehe und Ehelosigkeit und vor allem auch um die Frage nach der Ehe im Angesicht der vergehenden Welt. In diesem Zusammenhang steht unser Text. Das interessante ist, dass Paulus an zwei Stellen deutlich hervorhebt, dass er seine eigene Meinung niederschreibt – Ich habe keine Weisung Gottes, aber ich habe meine eigene Meinung. (1. Kor 7, 25)

Dieser deutliche Verweis auf seine eigene Meinung ist für mich die Einladung, mir auch meine eigene Meinung zu bilden. Und so lautet meine Reaktion:

Lieber Paulus, es freut mich, dass du mich zu einem Meinungsaustausch einlädst. Und ich kann dir sagen: ich bin nicht deiner Meinung. Dein Lebenskonzept im Alsob-nicht – bezogen auf die Ehe, die Trauer und die Freude - halte ich für falsch, ja sogar gefährlich. Für dich mag es richtig gewesen sein, nicht zu heiraten und dein ganzes Leben Christus zu widmen. Aber du kannst nicht von dir auf alle schließen.

Doch bei deinem Appell, sein Herz nicht an materielle Dinge zu hängen und sich nicht den Zwängen der Welt hinzugeben, da bin ich ganz bei dir. Und nicht nur ich. Matthäus übrigens auch.

Matthäus, den ich schon einmal zitiert habe. Matthäus, der vielleicht seinen Paulus gelesen hatte, kannte und schätze, der schreibt es so:

31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. 33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. (Mt 6)

Fremdheit überwinden und eine neue Perspektive finden

Langsam lasse ich die Fremdheit zum Text hinter mir. Ich merke, ich teile das Grundanliegen von Paulus und Matthäus: ihr möchtet, dass die Menschen frei werden – frei von Sorgen, von Ängsten, von Zwängen-, damit sie sich Gott zuwenden können.

Ich habe eine Idee: Wollen wir den negativen Lebensmodus Alsob-nicht verändern in eine positive Lebenseinstellung Alsob-schon -? Wie könnte das klingen?

Das sage ich euch aber, meine Lieben: lebt, als ob das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit schon da sind, mitten unter euch. Lebt im Frieden. Lebt gewaltlos. Teilt die Trauer und die Freude. Werdet satt durch die Gerechtigkeit. Spendet Barmherzigkeit. Liebt Gott, liebt eure Nächsten und euch selbst.

Amen