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Predigt über 1. Kor 6,12-20 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 22.07.2018

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Sie stieg Südkreuz zu. Sie setzte sich eins weiter auf die andere Seite, schräge gegenüber. Aus der Entfernung konnte ich sie gut beobachten. Zur Tarnung hielt ich mir mein Smartphone vor die Nase. Das machen alle in der S-Bahn so.

Ich nutze die Zeit in der S-Bahn meistens zum Arbeiten. Die Bibel bleibt in der S-Bahn aber in der Tasche. Ich traue mich nicht sie rauszuholen. Fehlt mir der Mut oder der missionarische Eifer? Ich habe mir die Bibel auf Handy geladen. Keinem der S-Bahn fällt auf, dass ich in der Bibel lese. Ich suchte den Predigttext für den nächsten Sonntag, der 8. nach Trinitatis, ein paar Verse au 1. Korinther 6, konnte ihn aber auf dem kleinen Bildschirm nur schwer finden. Bibel im Smartphone lesen ist wie Rotwein aus dem Pappbecher trinken. Es macht nicht richtig Spaß.

 

Ich schielte unauffällig zu ihr hinüber. Schon als sie einstieg, war klar, dass es da viel zu sehen gab. Auf ihren Ohrläppchen blieb der Blick zuerst kleben. Sie waren sehr groß getunnelten und gefüllt mit opaken Scheiben, groß wie ein Eurostück. Bis an die stark vergrößerten Ohrläppchen heran wucherte eine filigrane Ornamentik den Hals entlang und zog sich sicher den ganzen Körper entlang. Jedenfalls kroch das gleiche blaugrüne Muster aus den Ärmeln über die Hände und lief dünn auf den Fingern aus. Sogar an den Knöcheln entdeckte ich es, als sie ein Bein über das andere schlug. Die Füße waren frei, die Fußnägel schwarz lackiert, der erste kleine Zeh beringt. In Lippen, Nase und Braue steckten Pearcings. Lange Rastalocken fielen über die Seite. Sie hatte ein schönes Gesicht. Ich stellte es mir mit natürlich kleinen Ohrläppchen und ohne das ganze Metall vor. Ein wirklich schönes Gesicht. Ich löste den Blick von ihr und zwang ihn wieder in mein Handy, bevor sie merkte, dass ich sie eindringlich gemustert hatte.

Endlich fand ich den Text für Sonntag, also für heute:

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist zuträglich. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. […]

Der Leib aber ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt, und er wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. […]

Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch wirkt und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?

Ihr seid teuer erkauft. Verherrlicht also Gott mit eurem Leib!

Lichterfelde Ost stieg sie aus, zusammen mit anderen Tempeln des Heiligen Geistes. Aber keiner war so geschmückt wie dieser.

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Liebe Gemeinde, es ist Sommer. Zeit der Erholung und Entspannung, Zeit, sich leichteren Themen zu widmen. Heute dem Körper, dem Leib. Denn der Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Wir sorgen sonst viel für die Seele, heute machen wir uns Gedanken über den Leib. Sage keiner mehr, das Christentum sei eine leibfeindliche Religion!

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Es gibt Menschen, die machen einiges aus ihrem Körper. In Berlin scheint es besonders viele davon zu geben. Immer mehr Menschen tragen Tattoos, mittlerweile etwa die Hälfte aller Frauen zwischen 25 und 34, Männer kaum weniger. Tätowierungen sind keineswegs mehr das Markenzeichen von Seeleuten, Hafenarbeitern und bildungsfernen Schichten. Auch Studierende tragen Tattoos oder Piercings.

Früher waren die Grenzen Geist und Körper klarer: Entweder einer hat was in der Birne oder er hat was in den Muckis. Entweder er lässt sich Bildchen auf die Haut stechen oder er liest Bücher. Entweder er hat eine Brille auf der Nase oder einen Ring in der Nase.

Heute aber sind Bodybuilding und Abitur kein Widerspruch mehr und nicht mehr bei jedem, der aussieht wie der Türsteher eines billigen Nachtclubs, kann man sicher sein, dass er das auch ist. Vielleicht ist er ein Doktor der Philosophie. Heute färben sich auch Professoren die Haare, Pfarrer tragen Kontaktlinsen statt Brille, Lehrer machen Muskeltraining und echte Prinzessinnen zeigen Tattoo.

Nur sonntags Morgen in der Kirche ist die Welt noch in Ordnung. Eine weitgehend tattoo- und piercingfreie Zone mit Menschen, die zu ihren grauen Haaren stehen. Kirchgänger legen offensichtlich nicht so viel wert auf ihre äußere Erscheinung. Oder doch? Vielleicht legen mache doch wert darauf, dass man ihnen ansieht, dass sie nicht so viel Wert darauf legen. Also ein ganz bewusstes Nichtmitmachen von Trends und Moden?

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Der Geist braucht eine Behausung. Auch der Heilige Geist wohnt in einem Leib. Sein Haus sei – wegen des hohen Gastes – keine Hütte sondern ein Tempel, meint Paulus. Man kann einen Tempel festlich ausschmücken. Man kann es aber auch lassen und sagen: In seiner ursprünglichen Schlichtheit ist er am schönsten. In Deutschland sind die Kirchgänger – sagen wir – auffällig unauffällig gekleidet. Afroamerikaner hingegen putzen sich total heraus, wenn sie zum Gottesdienst gehen, die Männer in Anzügen mit Krawatte, die Frauen in bunten Kleidern mit hohen Schuhen und enormen Hüten.

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Der Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Ein beachtlicher Satz. Paulus hat ihn geschrieben – in einem Brief, der nach Korinth ging. Korinth, damals eine Weltstadt, eine Hafenstadt, Umschlagplatz zwischen Okzident und Orient, eine Stadt voller Arbeiter, Sklaven, Huren, Götter und Tempel. Der Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes.

In solchen Städten hat das Christentum Fuß gefasst, als es aus dem unmittelbaren Umkreis Israels herausgetreten ist. Der eine hohe, himmlische, geistige, körperlose Gott, der zwar einen Tempel in Jerusalem hatte, in dem er aber nicht selbst wohnte, sondern sich durch Gesetzestafeln vertreten ließ, der vor allem dadurch von sich reden machte, dass er sein Volk aus der Sklaverei befreite, bevor er ihm hohe moralische Ansprüche auferlegte, dieser Gott Israels hatte auch in der Heidenwelt von sich reden gemacht und viele Bewunderer gewonnen. Durch seinen Sohn Jesus Christus habe sich dieser Gott nun auch als ein Gott derer erklärt, die nicht beschnitten sind und sich nicht beschneiden lassen wollen. Ein Gott, der vor langer Zeit Sklaven aus Ägypten befreite, der könnte auch die Sklaven der Griechen und die Sklaven der Römer befreien. Keine schönen Götter aus Marmor, die die bestehende Gesellschaftsordnung zementieren, sondern ein lebendiger Gott im Himmel, der die Macht hat, sie aufzubrechen und die Schwachen und Verachteten zu Ehren bringt.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit, rief sein Botschafter Paulus (Gal 5,1). Und die Sklaven hörten es und die Armen und die Witwen und die Arbeiter und die Huren, aber auch Intellektuelle, Denker und Neugierige. Doch die Underdogs waren in den ersten christlichen Gemeinden in der Mehrzahl.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit, rief ihnen der Botschafter Christi zu. Und: Alles ist erlaubt, rief er ihn zu. Doch diesen Ruf schienen einige als Freibrief zu allem möglichen Unfug verstanden zu haben. Wenn jeder machen kann, was er will, werden nicht alle glücklich, sondern nur die Starken, die Durchsetzungsfähigen. Und die Schwachen bleiben auf der Strecke – mal wieder. Paulus muss zurückrudern: Ja, alles ist erlaubt, aber!

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist zuträglich. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.

Konkret ging es jetzt in Korinth darum, dass einige in dieser Gemeinde die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen haben, was sie nach Paulus nicht tun sollten. Er wäre aber nicht Paulus, wenn er das nicht theologisch begründete. Gott hat Christus von den Toten auferweckt – leiblich - und wird auch uns auferwecken von den Toten. Darum sei auch unser Leib geheiligt und würde durch den Verkehr mit Prostituierten entheiligt. Paulus ist nicht generell gegen Sexualität und für Ehelosigkeit, will sie aber auf die Ehe beschränkt wissen. Er scheibt: Wegen der Versuchungen zur Unzucht soll jeder Mann seine Frau und jede Frau ihren Mann haben. (7,2) Aber die Männer sollen nicht ins Bordell gehen.

Ich geb das mal so weiter und füge ihm nichts hinzu.

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Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist zuträglich. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.

Kann man Christ sein und sich tätowieren lassen? Ja, wenn‘ einem gefällt.

Kann man Christ sein und Piercing tragen? Ja, wenn’s einem gefällt.

Kann man Christ sein und sich die Haare färben, die Haut straffen, das Fett absaugen und was weiß ich noch alles machen? Ja, wenn’s einem gefällt und man das Geld dafür hat.

Und nein, wenn man nichts anderes mehr im Kopf hat. Wenn das Herz allein daran hängt, wie man aussieht. Wenn das Aussehen zum einzigen Lebensinhalt wird, dann nicht.

Muss man noch predigen, dass man Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen soll? Ja, muss man. Denn obwohl wir wissen, dass man es nicht tun soll, weil man so oft falsch damit liegt, tun wir’s immer wieder.

Die tätowierte, gepiercte, ohrgetunnelte Rastalockenfrau hielt zwischen Südkreuz und Lichterfelde Ost kein Smartphone in der Hand, sondern ein Buch. Sie las ein Buch. Das überraschte mich. Ob es die Bibel war, die ich mich nicht getraute auszupacken, konnte ich nicht feststellen. Ich war zu sehr mit der Begutachtung ihres Tempelschmucks beschäftigt.

Der Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Mir gefällt der Satz. Als reformierter Christ und Hugenotte mag man eher die schlichten Tempel. Aber warum sollte es dem Heilige Geist nicht auch gefallen, in einem mit allerlei Ornamenten und Bildchen und Schmuckobjekten reich ausgestatteten Tempel zu wohnen? So lange ein solcher Tempel nicht zur Weihestätte eines Körperkultes wird, wird sich der Heilige Geist auch dort zu Hause fühlen.

Amen.