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Predigt über 1. Kor 1,4-9 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 03.02.2019

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Ein Mensch zieht durch die Gegend und erzählt anderen Menschen eine Geschichte:

Was meint ihr? Es hatte einer zwei Söhne; und er ging zum ersten und sagte: Geh, mein Sohn, und arbeite heute im Weinberg! Der aber entgegnete: Ich will nicht; später aber reute es ihn, und er ging hin. Da ging er zum anderen und sagte dasselbe. Der entgegnete: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der erste! Da sagt Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und Dirnen kommen vor euch ins Reich Gottes. (Mt 21,28-31)

25 Jahre später zieht ein anderer Mensch durch eine andere Gegend und predigt über den Geschichtenerzähler, ohne seine Geschichten und seine Geschichte zu erzählen. Aber seinen Namen kennt er und er schreibt Briefe. Einer seiner Briefe, den er nach Korinth schickt, beginnt so:

Ich danke euretwegen meinem Gott allezeit für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus gegeben worden ist. In ihm seid ihr reich geworden an allem: reich an Wort und Erkenntnis aller Art. Denn das Zeugnis von Christus ist bei euch so fest verankert, dass es euch an keiner Gabe mangelt, solange ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus wartet. Er wird euch auch Festigkeit geben bis zum Ende, und kein Tadel wird euch treffen am Tage unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist Gott, durch den ihr berufen wurdet in die Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn. (1. Kor 1,4-9)

In 25 Jahren ist aus dem Wanderer und Geschichtenerzähler eine religiöse Universalformel geworden.

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Liebe Gemeinde, das Gleichnis und der Briefanfang sind 2 der 3 Predigttexte von heute. Der dritte ist die Jesajastelle, die ich vorhin vorgelesen habe. Da ich mich für keinen der drei entscheiden konnte, nehme ich sie alle drei und frage nach dem gemeinsamen Nenner.

Es sind Bruchstücke. Das sind alle Stücke, über die gepredigt werden soll, es sind immer herausgebrochene Passagen aus größeren Zusammenhängen, Bruchstücke.

Bei einem Bruch steht unterm Strich der Nenner und überm Strich der Zähler. Wenn man Brüche addieren will, muss man sie auf einen gemeinsamen Nenner bringen, dann nach oben sehen und schauen, was zählt und das, was zählt, zusammenzählen. Wollen wir also die Summe dieser drei biblischen Bruchstücke, des Stücks aus dem Propheten, des Stücks aus dem Evangelium und des Stücks aus der Epistel, so müssen wir erst den gemeinsamen Nenner suchen.

Das ist mathematisch kein Kunststück und theologisch schon grad gar nicht, denn der gemeinsame Nenner aller – fast aller - biblischen Bruchstücke ist Gott. Jesaja spricht von Gott, Jesus vom Reich Gottes und Paulus dankt seinem Gott für dessen Gnade.

Was aber steht über dem Strich? Wie lautet der Zähler, was zählt bei ‚Gott? Das ist dreimal sehr unterschiedlich. Beim Propheten zählt die Unvergleichlichkeit Gottes. Bei Paulus zählt allein Jesus Christus und bei Jesus Christus zählt nur der, der tut, was Gott will.

Das sehen wir uns genauer an. Ich beginne mit Paulus. Bei ihm zählt allein Jesus Christus. Unterm Strich steht Gott, aber darüber Jesus Christus. In sechs kurzen Versen dieses Bruchstücks kommt Jesus Christus fünfmal vor, eigentlich sechsmal, wenn man das Pronomen mitzählt.

Paulus schreibt seiner Gemeinde in Korinth einen Brief. Und, wie man das bei ordentlichen Briefen so macht, beginnt man erst mit ein paar Nettigkeiten. Ihr seid eine tolle Gemeinde, habt tolle Begabungen, seid gebildet, fromm, untadelig und habt auch noch eine super Gemeinschaft untereinander. Aber so sagt er es nicht, sondern er schreibt in gehobener Schriftsprache und fügt vor allem bei allem den Herrn Jesus Christus ein. Gebildet und begabt durch ihn, untadelig für ihn, in Gemeinschaft mit ihm. Jesus Christus hat überall die Finger drin, er ist so eine Universalformel oder Passepartout geworden zu sein.

Jesus Christus, Gabe und Inhalt aller Gnade.

Jesus Christus, Gabe und Inhalt aller Erkenntnis.

Jesus Christus, Gabe und Inhalt aller Predigt.

Jesus Christus, Gabe und Inhalt aller Offenbarung.

Jesus Christus, Anwalt und Richter, Schuld, Strafe und Freispruch beim Endgericht,

Jesus Christus, Gabe und Inhalt aller Gemeinschaft.

Es soll mal einen Oberkirchenrat gegeben haben – wahrscheinlich im Schwäbischen – der hatte für die Bewertung von Predigten seiner Pfarramtskandidaten ein einfaches Kriterium: „Der Herr Jesus Christus muss mindestens dreimal vorkomme. Wenn er mindestens dreimal vorkommt, ischs a gute Predigt, wenn gar nid vorkommt, ischs a ganz schlechte.“

Wann wird die Konzentration auf Jesus Christus zur frommen Farce?

Ich will annehmen, dass es das für Paulus noch nicht war. Ich denke, für ihn war Jesus Christus der verheißene Messias und als solcher der theologische Kristallisationspunkt all dessen, was er glaubte. Alles, was wir an Gutem von Gott zu erwarten haben, bündelt sich für uns in Jesus Christus: die Gunst, alle Gaben von Gott, alles Wissen von ihm und über ihn, alle Hoffnung, alle Liebe, alle Gemeinschaft.

Das Problem mit konzentrierten Formulierungen, die etwas formelhaft auf einen Punkt oder hier auf einen Namen bringen, ist, dass sie bei den Epigonen an Gehalt verlieren. Aus einer beziehungsreichen Formel wird eine fromme Floskel, eine pietistische Attitüde. Irgendwann sagt der Namen Jesus Christus nichts mehr, ist zum bloßen Zähler geworden. „… wenn er nid mindestens dreimal vorkommt, ischs nix“.

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Deshalb warnt der Prophet davor, Gott festzulegen, ihn mit irgendetwas auf dieser Welt und in dieser Welt vergleichen zu wollen. Gott ist unvergleichlich. Das steht hier überm Strich, ist für Jesaja das, was zählt. Steht bei Paulus der eine Jesus Christus überm Strich, so beim Propheten eine Ewigkeit, und Unendlichkeit, Gottes Größe und Erhabenheit, seine Unvergleichlichkeit und Unfassbarkeit, seine Ewigkeit und Heiligkeit.

Er schreibt:

Und mit wem wollt ihr Gott vergleichen und was als Ebenbild ihm gegenüberstellen? Das Standbild gießt der Handwerker, und der Schmied überzieht es mit Gold und schmiedet daran silberne Ketten. Wer nicht so viel geben kann, wählt ein Holz, das nicht fault, er sucht sich einen geschickten Handwerker, um das Standbild zu befestigen, es soll ja nicht wackeln. (Jes 40,18-20)

Für Paulus hat Gott sich selbst festgelegt auf Jesus Christus. Das war für Paulus ein Wunder und eine Quelle unendlichen Nachsinnens. Aber dann haben Christen sich daran gewöhnt und selbst Gott auf Jesus Christus festgelegt, aus ihm einen Götzen gemacht am faulen Holz, das wackelt. Sie haben die Ironie des Propheten für bare Münze genommen, sich geschickte Handwerke gekauft, die ihnen Kreuze aus Gold gebastelt haben, die nicht wackeln.

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Was also zählt bei Gott? Seine Unvergleichlichkeit, sagt der Prophet. Dass er sich jeder Festlegung entzieht. Jesus Christus, sagt der Apostel. Dass er sich in ihm festgelegt hat.

Und was sagt Jesus Christus selbst? Der erzählt eine Geschichte. Bei der steht unterm Strich auch Gott. Ein Vater – oder ist es Gott? - sagt: Arbeite in meinem Weinberg! Überm Strich stehen zwei Söhne, grad so zwei, wie auch du sie zu Hause haben könntest. Der eine sagt zweimal Ja, ja und dreimal Jesus Christus und bleibt in seinem Zimmer hocken. Und der andere sagt: Nee, kein Bock und geht dann doch in den Weinberg.

Was also zählt am Ende bei Gott? Ganz am Ende wird zählen, was einer für die getan haben wird, die ihm Nächste geworden sind.

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Heute, liebe Gemeinde, werden zwei neue Anciens, Älteste in ihr Amt eingeführt. Was ist aus diesen drei Texten für die Leitung einer Gemeinde zu lernen, was sagen Jesaja, Jesus und Paulus über die Kirche?

Wir sind eine reformierte Gemeinde. Die Reformierten betonen die Unverfügbarkeit Gottes mehr als die Lutherischen. Gott lässt sich nicht in Bildern einfangen, aber auch nicht in Formeln und Bekenntnissen. Er ist gerade darin lebendig, dass er sich unseren Versuchen, seiner habhaft zu werden und ihn irgendwie dingfest zu machen, immer wieder entzieht. Das lernen wir bei Jesaja.

Wir wollen also weiter darauf achten, dass wir unsere Anbetung nicht auf wackelnde Kruzifixe aus morschem Holz konzentrieren, aber auch nicht in Bekenntnissen und Formel meißeln. Deshalb müssen wir auch darauf achten, dass uns das Dogma der Bilderlosigkeit nicht seinerseits zu einem Fetisch wird.

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Was ist aus dem Gleichnis zu lernen? Sicher, es gibt, wie überall so auch im Consistorium Menschen, die heben den Finger und sagen Ja und machen dann doch nicht, was sie zugesagt haben, und es gibt andere, die melden sich nicht und machen es dann doch.

Viel wichtiger aber ist der andere Satz, den Jesus selbst als Fazit aus seiner Geschichte zieht: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Wer immer Verantwortung in der Leitung der Kirche übernimmt muss das wissen: Gottes Wirken beschränkt sich nicht auf die Kirche. Gottes Welt ist viel weiter, als die kleine Welt der Kirche. Gottes Wille wird nicht nur in der Kirche getan und von den Leuten, die den Namen Jesus Christus kennen und nennen und am Sonntag aus den Federn kommen. Das Reich Gottes ist weit mehr als die Kirche. Also nehmen wir uns selbst um Gottes Willen nicht so wichtig!

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Und was lernen wir bei Paulus?

Paulus schreibt seiner Gemeinde in Korinth einen Brief und lobt sie. Wir verabschieden heute 2 Älteste und wir würden sie gerne loben und ihnen danken. Aber – ich sage es immer bei diesen Verabschiedungen – es gibt da einen merkwürdigen Paragraphen in unseren Reglements, der es verbietet, den Ausscheidenden zu danken. Paulus zeigt uns, wie das trotzdem geht: Wir danken Gott für die Gaben, die er uns durch euch hat zuteilwerden lassen. Und das alles durch die Gnade unseres Herr Jesus Christus.

Amen.