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Predigt über 1. Kön 17 (Pfr. Dr. J. Kaiser) vom 15.07.2018

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Liebe Gemeinde,

es ist Sommer. Es ist heiß. Es ist trocken. Kein Regen, ein paar Tropfen auf den heißen Stein. Die Bauern im Norden haben schon ihr mageres Korn geerntet. Ob das noch den ganzen Sommer so weitergeht? Die Pflanzen leiden. Die Tiere hungern. Wir Menschen nicht. Aus dem Hahn fließt das Wasser, beim Bäcker sind die Regale voller Brot.

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Es ist Sommer. Die Zeit der Sonntage nach Trinitatis. Der siebte heute. Brot ist sein Thema. Das Brot des Himmels und das Brot der Erde. Und die Gastfreundschaft. Die Gastfreundschaft des Gottes und die Gastfreundschaft der Menschen. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. „Wer zu mir kommt, wird nicht hungern“ (Joh 6,35) Wir sind nicht mehr Gäste und Fremde, sondern Mitbewohner Gottes. (Eph 2,19) Wir kommen zu ihm, und er gibt uns zu essen - Brot für Leib und Seele.

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Es ist Sommer. Es ist Zeit, Pause zu machen. Kräfte sammeln für die Zeit danach, wenn es wieder ums Ganze geht, ums Grundsätzliche, ums Bekennen und Eifern und Kämpfen. Für das bessere Leben und die bessere Welt, für das richtige Leben und die richtige Welt, für den besseren Gott, den lebendigen Gott.

Aber jetzt ist Sommer – pause. Statt Strategien und Konzepte Erzählen und Hören. Statt Appelle und Aktionen Essen und Trinken.

Am Abend zusammen sitzen bei Brot und Wein und erzählen. Geschichten erzählen. Einfache Geschichten. Vom Brot und vom Wasser. Das nicht kommt, weil es Sommer ist und trocken.

Sommersonntag, in der Kirche sitzen am Morgen und eine Geschichte hören. Eine einfache Geschichte von einer Trockenheit, die im Land war. Und keiner wusste wieso und woher und wielange. Nur Elia wusste es: In diesem Jahr nicht, sagte er. In diesem Jahr kein Tau und kein Regen. (1. Kön 17,1) So wahr der Herr lebt. Das wusste er. Er allein. Dass der Herr noch lebe in diesem dürren Lande. Das ganz voll ist von Baalen. Fruchtbarkeitsgötter an jeder Weggabelung. Im trocknen Lande. Mehr als Kruzifixe in Bayern standen Regengötzen in Israel. In Bayern regnet es. In Israel nicht, in Brandenburg auch nicht.

So wahr der Herr lebt – es bleibt trocken. Und dann sprach der Herr, der lebt, zu Elia, dem einzig übrigen seiner Propheten. Geh fort. Damit auch du am Leben bleibst. Geh nach Osten. Geh an den Bach Kerit. Und aus dem Bach kannst du trinken, und den Raben habe ich geboten, dich dort zu versorgen. So machte es Elia. Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends, und er trank aus dem Bach. (1. Kön 17,4-6)

Sommerpause, liebe Gemeinde, Sommerbibel, Bibelmärchen. Ihr wisst genau, dass die Märchen ihre eigene Wahrheit haben. Darum erzähl ich es einfach weiter, dieses Sommerbibelmärchen von Elia und den Raben am Bach Kerit.

Es regnete immer noch nicht. Auch dieser Bach trocknete aus. Geh weiter, sagte der Herr zu Elia. Geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge. Und das tat Elia.

Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gefäß, dass ich trinke!

Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit!

Sie sprach: So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will's mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen – und sterben. (1. Kön 17,10-12)

Zu wenig zum Leben, zu wenig zum Sterben. Zu wenig für den Gast. Die heilige Gastfreundschaft kann nicht mehr gewährt werden. Der letzte Bissen ist für sie und ihren Sohn. Und danach wird gestorben. Aber der Herr lebt. So wahr der Herr lebt, sagt sie. Auch sie, die Witwe von Sarepta ist eine, die den Herrn noch kennt im trocken gewordenen Land der vielen Regengötter. Und die weiß, dass der Herr lebt und die Baale tot sind. Elia ist nicht der einzige im Land, der noch den Herrn kennt.

Es sind nun zwei, die den Herrn kennen und die wissen, dass er lebt. Sie sind zusammen gekommen. Jeder für sich müsste verhungern. Zusammen aber geben sie sich Brot. Wo zwei in seinem Namen zusammen sind, reicht das Brot für drei.

Elia sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! Geh hin und mach's, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir's heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen. Denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden.

Sie ging hin und tat, wie Elia gesagt hatte. Und er aß und sie auch und ihr Sohn Tag um Tag. Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts nach dem Wort des Herrn, das er geredet hatte durch Elia. (1. Kön 17,13-16)

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Ein Sommermärchen. Ich lasse es so stehen. Ich mag dazu nichts sagen. Ich mache Sommerpause in der Auslegung, Urlaub vom Ausschlachten und Verwerten biblischer Geschichten. Es muss nicht von jeder Geschicht‘ eine Moral geben. Märchen entfalten ihre eigene Wahrheit von allein oder gar nicht. Man tut nicht gut, ihnen auf die Sprünge zu helfen.

Statt zu predigen erzähle ich lieber noch ein bisschen weiter. Im Sommer ist Predigen Erzählen. Vielleicht ist das ohnehin das bessere Predigen.

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Und nach diesen Geschichten wurde der Sohn dieser Frau, seiner Hauswirtin, krank, und seine Krankheit wurde so schwer, dass kein Odem mehr in ihm blieb. Und sie sprach zu Elia: Was hab ich mit dir zu schaffen, du Mann Gottes? Du bist zu mir gekommen, dass meiner Sünde gedacht und mein Sohn getötet würde. (1. Kön 17,17-18)

Wieder geht es um Leben und Tod. Geht es im Märchen nicht immer um Leben und Tod? Der Sohn der Witwe wird sterbenskrank. Der Tod sei der Sünde Sold, schrieb Paulus. Was habe ich verbrochen?, fragen Eltern von sterbenskranken Kindern. Es ist ein unausrottbarer religiöser Reflex. Ein Virusinfekt mit langer Inkubationszeit. Man hat sich angesteckt mit der Sünde, und merkt es nicht, vergisst es, lebt mit seiner Sünde in fetten wie in dürren Tagen und versteckt sich vor Gott hinterm Baum. Und dann kommt der Mann Gottes und die Krankheit bricht aus, am eigenen Kind, was viel weher tut, als würde sie bei einem selbst ausbrechen.

Was hab ich mit dir zu schaffen, du Mann Gottes? Du bist zu mir gekommen, dass meiner Sünde gedacht und mein Sohn getötet würde.

Das ist ein starker Satz. Nicht die Spur von Depression. Aber eine kräftige Prise Aggression. Die Witwe war bereit zu sterben. Weil es nicht genug zu essen gab. Er Mann Gottes sorgte für Essen. Jetzt will sie leben. Und will, dass ihr Sohn lebe. Den Reflex der eigenen Schuld lässt sie gar nicht groß werden. Statt in Bußfertigkeit zu fallen, wendet sie ihn nach außen, lenkt ihn auf den Besuch. Du bist schuld! Du kommst und mein Sohn wird sterbenskrank. Auch Elia lässt das nicht auf sich sitzen. Jedoch gibt er es nicht der Witwe zurück, wie wir es meist tun – man wird angegiftet und giftet zurück. Der Mann Gottes lenkt es seinerseits um zu Gott. Weder die Witwe noch der Mann Gottes lassen etwas auf sich sitzen. Sie nehmen das Ungemach und legen es dem Herrn, so wahr er lebt, vor die Füße.

Elia sprach zu ihr: Gib mir deinen Sohn! Und er nahm ihn von ihrem Schoß und ging hinauf ins Obergemach, wo er wohnte, und legte ihn auf sein Bett und rief den Herrn an und sprach: Herr, mein Gott, tust du sogar der Witwe, bei der ich ein Gast bin, so Übles an, dass du ihren Sohn tötest? Und er legte sich auf das Kind drei Mal und rief den Herrn an und sprach: Herr, mein Gott, lass das Leben in dies Kind zurückkehren!

Und der Herr erhörte die Stimme Elias, und das Leben kehrte in das Kind zurück, und es wurde wieder lebendig.

Und Elia nahm das Kind und brachte es hinab vom Obergemach ins Haus und gab es seiner Mutter und sprach: Siehe, dein Sohn lebt!

Und die Frau sprach zu Elia: Nun erkenne ich, dass du ein Mann Gottes bist, und des Herrn Wort in deinem Munde ist Wahrheit. (1. Kön 17,19-24)

Erkennt ihr sie auch, die Wahrheit im Munde dieses Sommermärchens vom Gottesmann Elia und der Witwe von Sarepta?

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Liebe Gemeinde,

es ist Sommer. Es ist heiß. Es ist trocken. In dieser Woche hat Gott es endlich ein bisschen regnen lassen.

Es ist Sommer. Es ist Zeit, Pause zu machen. Zeit, zusammen zu sitzen und Geschichten zu hören. Kräfte sammeln für die Zeit danach, wenn es wieder ums Ganze geht, ums Grundsätzliche, ums Bekennen und Eifern und Kämpfen.

Wenn der Sommer vorbei ist, werden die Geschichten anstrengender und ernster. Dann zählen sie wieder und müssen sich auszahlen. Auf Heller und Pfennig mit Sinn und Bedeutung, mit Moral und Orientierung, mit Mut und Bekenntnis.

Das nächste Kapitel erzählt vom Kampf und den wahren Gott. Elia ließ ganz Israel auf dem Berg Karmel versammeln als Zeuge eines kuriosen und famosen Götterwettstreits. Israeli God Contest. Es ist eine richtige Show. Welcher Opferstier wird sich entzünden, der für Baal oder der für den Herrn, den Elia zuvor noch eimerweise mit Wasser überschütten ließ? Wie das ausgeht, erzähl ich euch heute nicht mehr. Es ist kein Sommermärchen mehr. Ihr könnt es euch denken.

Einen märchenhaften Schluss aber hat selbst die ernste Geschichte vom Götterwettstreit auf dem Karmel. Er auch passt zum heutigen Sonntag mit Brot und Himmel und Tod und Leben in der Leichtigkeit des Märchens in einem viel zu trockenen Sommer:

Und Elia sprach zu Ahab, dem König: Zieh hinauf, iss und trink; denn es rauscht, als wollte es sehr regnen. Und als Ahab hinaufzog, um zu essen und zu trinken, ging Elia auf den Gipfel des Karmel und bückte sich zur Erde und hielt sein Haupt zwischen seine Knie und sprach zu seinem Diener: Geh hinauf und schaue zum Meer hin! Er ging hinauf und schaute und sprach: Es ist nichts da. Elia sprach: Geh wieder hinauf! So geschah es siebenmal. Und beim siebenten Mal sprach er: Siehe, es steigt eine kleine Wolke auf aus dem Meer, klein, wie eines Mannes Hand. Elia sprach: Geh hinauf und sage Ahab: Spann an und fahre hinab, damit dich der Regen nicht aufhält! Und ehe man sich's versah, wurde der Himmel schwarz von Wolken und Wind, und es kam ein großer Regen. (1. Kön 18,41-45)

Amen.