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Predigt am Heiligen Abend (Propst Dr. Chr. Stäblein) vom 24.12.2016

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Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer,

still scheint es gewesen zu sein im Stall von Bethlehem, lange, es ist jedenfalls kein Wort überliefert, kein Wort von Maria aus dieser Nacht, keines von Joseph, das da in der Erzählung bei Lukas wieder gegeben würde. Kein Wort im Stall. Als das Wort Gottes Fleisch wird, als seine Liebe sich in unser Leben gibt, konkret, ganz und gar, da braucht es, so scheint es, keine Worte mehr. Da ist die Zeit erfüllt. Und wenn die Zeit erfüllt ist, ist es still. Was denn sonst, denke ich: Erfüllte Stille, verwandelnde Stille.

Sie breitet sich aus vom Stall in Bethlehem, seit 2000 Jahren, jedes Jahr wieder, jedes Jahr neu. Sie ist das Erkennungszeichen, das „Markenzeichen“ dieser Nacht. In diesem Jahr tut sie besonders gut. Wir brauchen sie. Die Stille, in der jemand wortlos die Hand des anderen nimmt. Mit den schrecklichen Bildern der letzten Woche vor Augen, im Kopf. Still und miteinander einverstanden: diese Nacht, diese Liebe, dieses Wort Gottes, das da in die Welt gekommen ist in einem Kind, das wird stärker sein als das Erschrecken. In diesem Moment, in dem die Hände ineinander gehen, braucht das keiner der beiden zu sagen. Sie wissen es. Sie spüren es.

Die Stille aus der Nacht der Geburt breitet sich aus. Seit 2000 Jahren und an viel mehr Orten, als irgendwer zählen könnte. Wenn das Wort Fleisch wird, wenn Gottes Wort der Liebe zur Welt kommt, braucht es oft keine Worte. Da nimmt die Frau, die seit Tagen nicht mehr wusste, wie sie schlafen soll, den Teller in der offenen Weihnachtssuppenküche aus der Hand des Helfers hinter der kleinen Holztheke. Der nickt nur. Seine Augen sagen: die Suppe schmeckt, nach Salz und nach Leben. Ansonsten Stille.

Stille wie auch im umgestellten Flurzimmer, wo sie als Familie auch dieses Jahr den Baum aufgestellt haben, dezent geschmückt, vielleicht ein wenig dezenter als sonst. Und die Kinder packen jetzt bald aus, da braucht es keine Worte beim Auspacken, da reicht die Spannung und die Stille und das Glück der Gabe. Es bleibt ja so: in jedem Buch, in jedem Smartphone, in jeder Play-Station, in jedem Gutschein, in jedem Fläschchen guten Geruchs wird heute Abend mitgegeben, dass uns etwas gegeben ist in dieser Nacht, ja dass uns das Entscheidende dieses Lebens gegeben ist. Liebe, ganz konkret, mitten unter uns, unser Leben verwandelnd. Jedes Geschenk, jede Gabe ist ein Symbol dafür. Und jedes knisternd stille Auspacken und dann die Augen der Beschenkten, die Kinder zuerst, die gar nichts sagen müssen in dem Moment – all das ist am Ende auch Stille vom Stall, Stille vom Moment, als Gottes Wort Fleisch wird und wir nichts mehr sagen müssen. Brauchen. Können.

In der Tat, liebe Gemeinde, wenn wir die Worte aus der Weihnachtsgeschichte bei Lukas in dieser Nacht hören, dann hören wir als erstes, dass keiner etwas sagt im Stall: Joseph nicht, Maria nicht. Die Zeit ist gekommen. Die Zeit ist da. Sie ist erfüllt. Gott ist geboren. Damit ist alles gesagt. Genießen wir die Stille, in der alles ist: Hoffnung, neues Leben, Anfang, Gegenwart, Ewigkeit. Jetzt.

Musik EG 37 - Orgelintonation

Stille. Liebe Gemeinde, wer soll das …nein, wie kann ich das glauben. Hektik wird doch geherrscht haben. Chaos. Schmerzensschreie der Mutter womöglich. Sorgenvolle, verzweifelte Worte des Vaters. Eine Geburt ohne Hebamme in einem Stall irgendwo abseits der Felder, da soll es still und wortlos zugegangen sein?! Und als das Kind dann da war, diese Liebe in konkret, dieser Gott in Jesus -, was wird das Kind getan haben?! Geschrien. Was denn sonst, liebe Gemeinde. Als das Wort Gottes als Kind zur Welt kommt, ist da ein Schrei. Ein Schrei, wie er zum Geboren werden fast immer gehört und ein Schrei wie er in diese Welt gehört. Wie denn anders, wenn Gott all das Unerfüllte dieser Zeit und aller Zeiten aufsucht. Ein Schrei, der die Stille durchdringt. Alles andere wäre doch ein süßliches, ein womöglich verdrängendes, ein kitschiges still bleiben. Nein, als Gottes Wort Fleisch wird, da ist auch dieser Schrei, in dem aufgenommen sind die Schreie und Tränen der letzten Woche, die Schreie vom schrecklichen Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt zu Füßen einer Kirche, die Tränen der Furcht und des Entsetzens. Als das Wort Gottes von der Liebe Fleisch wird in einem Kind, da wird nicht ein stiller Zuckerguss über alles geträufelt, da wird das alles nicht verschwiegen, da schreit Gott im Menschen.

So sind in dieser Nacht, gerade in dieser Nacht die nicht allein, die in die Stille schreien möchten, weil diese sonst nicht auszuhalten wäre. Die Frau etwa, die zwar genug zu essen hat, mehr als genug, aber nichts, was sie wirklich satt macht, an Leib und Seele. Wie froh ist sie, dass sie in die Suppenküche gehen kann und jemand sagt: Gut, dass du da bist. Komm, nimm, iss mit uns. Da möchte sie die Tränen unterdrücken, aber es geht nicht, sie laufen wie ein lang ersehnter Schrei. Gott sei Dank, so kommt das Leben wieder in Fluss.

Und so sind in dieser Nacht die nicht allein, die in der Familie im Flurzimmer den Baum aufgestellt haben und alles ist schön geschmückt und dann hat sich aber doch keiner etwas zu sagen und alle wühlen durch die Geschenke und denken womöglich: hab ich schon, brauch ich nicht, kann ich vielleicht umtauschen.Aber das Leben kann ich ja nicht umtauschen, schreit plötzlich die Große, das Leben kann ich nicht umtauschen, keinen Moment – und das schreit sie heraus. Da nimmt der Schwager ihre Hand und nimmt ihr das Buch ab und sagt: Haste doppelt? Wie gut, ich brauche es dringend. Leben umtauschen geht nicht, aber eintauschen und verschenken und so verdoppeln. So macht es der, der in dieser Nacht Fleisch wird: tauscht sich in das Leben, verschenkt sich, doppelt, dreifach, schreit für uns aus Liebe. Sprachlos stehe ich, stehen wir da. Staunend. Still. Aber, bleiben nicht stumm. Fangen an zu singen. Ich steh an deiner Krippen hier. Wir singen aus dem Evangelischen Gesangbuch Nr. 37 die Strophen 1-3.

Musik EG 37,1-3

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer, womöglich war es im Stall so wie hier, wie mit uns zusammen. Stille in der Nacht. Schrei. Wieder Stille. Und dann: Singen. Zugegeben, davon wird in der Weihnachtsgeschichte bei Lukas nichts erzählt. Hat Maria gesungen oder Joseph? Kann ich es mir anders vorstellen als mit singen?! Aus der Stille heraus für das Neugeborene. Dass es geborgen ist. Dass wir selbst geborgen sind, beieinander. Wie gut tut das, beieinander zu sein. Alle in einer Nacht. Hirten, Freunde, Vertraute, Fremde, Unbekannte, zusammen sind wir in dieser Nacht, in Frieden. Zusammen bei denen, die uns brauchen. Und die wir brauchen. Ihre Hände, die uns Halt geben, Wärme, stilles Einverständnis. Ihr Lachen, das uns froh macht. Und (ihre) Lieder, die uns verwandeln. Singen gehört zu diesem Fest, ist vielleicht das Erkennungsmerkmal, das Markenzeichen dieser Nacht.

Die guten Worte, die die Engel auf dem Feld sagen und die die Hirten von dort in den Stall bringen. Sie werden sie gesungen haben, wie sonst. Und: ja, da ist die Geschichte von der Geburt im Evangelium gar nicht mehr still. Fürchtet euch nicht. Friede auf Erden. Menschen in Gottes Wohlgefallen. Als Gottes Wort Fleisch wird in jener Nacht, da tönen diese Worte über die Felder. Da ziehen sie von dort in den Stall und in unsere Wohnungen, Städte, Häuser, Dörfer. Werden sie gesungen. Verwandeln die Kirche, das Zuhause, das Radioprogramm, verwandeln den Platz vor der Kirche, wo der Schrecken war, da singen die Chöre miteinander. Die Worte dieser Nacht klingen weiter, verbinden uns an den unterschiedlichsten Orten. Die Frau in der Suppenküche. Als sie das gute Wort für sich hört und die Tränen laufen und sie dann miteinander essen, Weihnachtssuppe und ein bisschen Braten, da ist plötzlich eine alte Melodie wieder in ihrem Ohr, auf ihrem Mund. Sie kriegt sie nicht so schnell zusammen, die Melodie und den Text, in dem es irgendwie um Felder geht, um Draußen, um Engel, dazu eine helle Melodie. Und ein langes O. Und, liebe Gemeinde, als da unter dem Baum bei der Familie im Flurzimmer geschrien wird und dann Geschenke getauscht und begriffen und geweint und gelacht wird, da fängt jemand an zu summen, womöglich die Schwägerin. Sie summt mit langem O und es klingt ein wenig nach Oooo, ooooo. Und das, was die Schwägerin da singt, das lässt sich leicht als Gloria erkennen.  

Singen. Was Maria und Joseph gesungen haben für das Kind, in die Stille, nach dem Schrei, ins Erfüllte hinein –  niemand kann es wissen. Ich denke, es werden irgendwie die Worte gewesen sein, die in der Luft waren, vom Feld herüber: Fürchtet euch nicht. Friede auf Erden. So wir auch heute. Jetzt und wenn Sie wollen, die ganze Nacht. Hört – hört in die Stille und nach dem Schrei, was da vom Felde uns gesungen wird. Mit langem O. Großes Gloria. Ehre sei dir Gott. Und Friede auf Erden. Hört der Engel helle Lieder.

Amen.