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Monatsspruch für September vom 01.09.2017

Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein. (Lk 13,30)

Am 24. September ist Bundestagswahl. In einer Demokratie gehört es dazu, dass Erste Letzte werden und umgekehrt. Wer einmal die Macht hat, behält sie nicht unbedingt. Er oder sie kann abgewählt werden. Alle vier Jahre werden die Karten neu gemischt. Auch wenn die Gesichter an den Parteispitzen oft jahrelang dieselben bleiben und auch wenn wir manchmal den Eindruck haben, in einem starren System zu leben, in dem nicht viel Bewegung ist, so ist die Möglichkeit des Wechsels doch immer gegeben. Damit müssen alle rechnen, die zur Wahl stehen, ebenso wie die Wählerinnen und Wähler. Dass Frau Merkel nun schon zum vierten Mal Kandidatin fürs Bundeskanzleramt ist, liegt nicht am System und auch nicht daran, dass sie als Erste immer eine Erste bleiben muss.
Jesus Christus hat zu seiner Zeit zu denjenigen gepredigt, die zu den Letzten zählten: zu Kranken und Aussätzigen, zu Armen und Verachteten, zu Frauen und Menschen ohne Einfluss. Sie hatten nicht die Hoffnung, dass sich jemals an ihrem Status etwas ändern würde. Die damalige Gesellschaft war  starr und nicht durchlässig. Erste blieben Erste und Letzte blieben Letzte. Doch Jesus blickte anders auf die Menschen und die Gesellschaft. Vielleicht hatte seine Mutter ihm diesen Blick auf die Letzten und Zurückgewiesenen in die Wiege gelegt. Jedenfalls überliefert das Lukasevangelium, dass Maria, ergriffen von ihrer eigenen Wahl als Mutter Jesu, angefangen hat zu singen. In ihrem Lied dankt sie Gott und beschreibt ihn: Mächtige hat er vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht, Hungrige hat er gesättigt mit Gutem und Reiche leer ausgehen lassen. Für Maria und Jesus ist Gott ein Gott, der nicht die menschlichen Hierarchien festigt, sondern ein Gott, der sich den Ausgestoßenen und Verachteten zuwendet und sie erhöht. Bei ihm sind sie nicht Letzte sondern Erste.
In unserer heutigen Demokratie ist viel Bewegung möglich. In unserer Gesellschaft gibt es keine starren Hierarchien mehr, die von Geburt an festlegen, welchen Status ein Mensch innehaben wird. Und doch gibt es natürlich auch in unserer Gesellschaft die Abgehängten und Einflusslosen. Ich denke, es sollte vornehmste Aufgabe der gewählten Repräsentanten sein, sich genau um die Situation dieser Menschen zu kümmern. Einer Gesellschaft tut es gut, wenn es keine große Kluft zwischen Ersten und Letzten gibt, sondern Letzte die Chance haben, Erste zu werden.  Meike Waechter