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Monatsspruch für Oktober vom 01.10.2018

All mein Sehnen, Herr, liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen.     (Ps 38,10)

Wenn ich Menschen im Altersheim besuche, höre ich oft ein Seufzen. Man weiß nicht, woher es kommt, aus einem der Zimmer, aus einem der Flure, manchmal ganz laut und nahe, manchmal wie aus weiter Ferne mit Hall und Echo. Ich erschrecke jedes Mal. Ich kann mich daran nicht gewöhnen. Ich frage mich, wie die Pflegekräfte das aushalten. Sie halten es aus. Sie müssen ja, was sollen sie tun?
Seufzen - Ruf der hilflos Leidenden, Schrei derer, die ihren Schmerz nicht mehr in Worte fassen können. Er bleibt keinem verborgen.
Das Sehnen dagegen hört keiner. Es ist stumm, ein stilles Wünschen. Manchmal erkennt man im Blick eines Menschen sein Sehnen, in den offenen fragenden Augen. Aber es findet keine Worte, sich zu beschreiben.
Gott sieht das Sehnen, das sonst keiner sieht. Gott hört das Seufzen, das alle überhören, weil es sonst nicht zum Aushalten ist.
Der 38. Psalm ist ein Gebet für schwer Kranke. Er gibt ihrem stillen Sehnen und ihrem lauten Seufzen Worte. Er nennt die Leiden, spricht von brennenden Schmerzen, eitrigen Wunden, Herzrasen, Erschöpfung, Kraftlosigkeit. Seine Sinne versagen, der Kranke ist fast blind und klagt gleich zweimal: „Ich bin wie ein Tauber, höre nicht, bin wie ein Stummer, der seinen Mund nicht auftut.“ Immerhin findet dieser Kranke noch Worte, sein Leiden Gott zu beschreiben, und leiht seine Worte allen, die verstummt sind und dies nicht mehr können.
Gleich zu Beginn des Psalms bittet der Kranke Gott, ihn nicht weiter zu strafen und zu züchtigen. Er kennt die Urache für sein Leiden. Es sind seine Verfehlungen, seine Sünden. Mit der Krankheit straft Gott seine Schuld.
Ich will aus der Einsicht dieses Kranken keine allgemeine Wahrheit machen. Ich will einem Kranken nicht sagen: Du leidest, weil du gesündigt hast.  Anmaßend wäre solch eine Beschuldigung. Doch Leidende stellen oft von sich aus diesen Zusammenhang her. Der lässt sich ihnen nicht einfach ausreden oder wegdiskutieren. Die Frage nach dem Warum liegt fast allen, die leiden, auf der Zunge. Sie sehnen sich nach einer Antwort. Eine Antwort können wir Menschen nicht geben. Nur Gott kann antworten. Wir können aber den Hinweis geben, dass Gott vergibt, und das gemeinsame Gebet „... vergib uns unsere  Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern...“ kann ein Samenkorn der Hoffnung pflanzen.
Jürgen Kaiser