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Monatsspruch für Oktober vom 01.10.2017

Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut. (Lk 15,10)

Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, schickte der Theologieprofessor Luther 95 Disputationsthesen über den Ablass an zwei Bischöfe. Dass er sie an diesem Tag auch eigenhändig an die Tür der Schlosskirche geschlagen habe, wird von der Forschung seit Jahren mit guten Gründen bezweifelt. Den Versand dieser Thesen hat Luther kurz vor seinem Tod als den Beginn der Reformation bezeichnet.
Deshalb wäre es eine angemessene und respektvolle Geste, Ihnen an dieser Stelle die Lektüre der 95 Thesen mit dem Versprechen eines großen geistlichen Gewinns zu empfehlen. Man erhält die Thesen zur Zeit in allen Buchläden in kleinen putzigen Ausgaben. Doch ich rate Ihnen das Gegenteil: Lassen Sie die Finger davon! Ich habe mir die Thesen in letzter Zeit öfter vorgenommen und gestehe, dass selbst ich als promovierter Kirchenhistoriker kaum die Hälfte von ihnen verstehe. Es sind größtenteils akademische Thesen aus einer untergegangenen Welt. Um sie zu verstehen, muss man mit dem theologischen Denken des späten Mittelalters vertraut sein. Es geht um Buße und Reue, um Strafe und Genugtuung, um die Schlüsselgewalt des Papstes und den Schatz der Kirche, der keiner aus Gold ist, sondern das im Himmel angesparte Verdienst der Heiligen, gleichsam ein Guthabenkonto an gerechten Werken, mit dessen Überschuss man sich Straffreiheit erkaufen kann, dessen Ausschüttungen aber der Papst verwaltet.
Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, ja fast unverständlich, dass diese Thesen ein publizistisches Erdbeben auslösten. Sie wurden tatsächlich landauf, landab diskutiert.
Hauptkritikpunkt war, dass der Ablass die Ernsthaftigkeit der Reue als das zentrale Element der Buße aushöhle. Luther war in seinem Denken noch tief in der spätmittelalterlichen Mystik verhaftet, für die Demut und permanente Buße Kern der Spiritualität, ja überhaupt der christlichen Existenz war. Dieses Existentielle durch eine einfache finanzielle Transaktion zu ersetzen, war für ihn unerhört. Zwar gibt Luther vor, den eigentlichen Sinn des Ablasses gegen seine missbräuchliche Verwendung durch die Ablassprediger zu verteidigen. Doch im Grunde hat er den Ablass schon abgeschrieben, indem er dessen Kern leugnet. Der wahre Schatz der Kirche sei nicht ein vom Papst verwaltetes Verdienstguthaben der Heiligen sondern das Evangelium von der Gnade Gottes (Th. 62). Liebeswerke seien unendlich viel wertvoller als der Kauf von Ablässen (Th. 43).  In einigen Thesen schimmert schon die klare, von scholastischen Wirrungen befreite Sicht durch. In solchen Thesen hören wir biblische Töne.
Wir sind Menschen und machen Fehler. Aber wenn wir dazu stehen und umkehren, ist Gott uns gewiss gnädig. Daran gibt es keinen Zweifel. Luther wollte zurück zu dem, was Jesus mit einfachen Worten gesagt hat: „Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“
Der Papst hatte den Engeln die Freude verdorben. Das wollte Luther ändern. Freiheit gewinnt der Mensch durch die Einsicht in die eigene Fehlbarkeit, durch Reue und Umkehr. Das ist durch kein Geld der Welt zu ersetzen.  Jürgen Kaiser