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Monatsspruch für November vom 01.11.2017

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. (Ez 37,37)

Dieser Satz findet sich in verschiedenen Varianten immer wieder in der Bibel, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Ich lese in diesem Satz eine Liebeserklärung. Sie erinnert mich an ein altes Gedicht aus dem 12. Jahrhundert:
Dû bist mîn, ich bin dîn. - des solt dû gewis sîn. Du bist mein, ich bin dein. Dessen sollst du gewiss sein.
Du und ich, wir gehören zusammen, wir sind uns ganz nah, das ist sicher. Gott und Volk, Volk und Gott gehören zusammen, sind sich ganz nah, das ist sicher.
Von der Liebesgeschichte Gottes und seines Volkes Israel, bzw. der Menschheit erzählt die Bibel. Und wie bei der Liebe zwischen Menschen verläuft sie nicht immer harmonisch, sondern oft dramatisch. Es geht um Liebe und Hass, Verlangen und Verzweiflung, Distanz und Nähe. Wir lesen in der Bibel von Gottes Sehnsucht nach seinem Volk und menschlicher Sehnsucht nach Gott, von Gottes Verzweiflung im Umgang mit seinem Volk und menschlicher Verzweiflung gegenüber Gott.
Ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.  Dieser Satz kann sowohl das tiefe Verlangen nach Nähe, die verloren gegangen ist, widerspiegeln als auch das feste Vertrauen, dass Gott diese Nähe ganz sicher schenkt und er dieses Versprechen einhält.
In diesem Zwiespalt befand sich auch Prophet Ezechiel, als er diese Worte aufschrieb. Jerusalem war zerstört. Das Volk Israel war besiegt, vertrieben und in Gefangenschaft. Es war eine grausame Zeit. War ihr Gott überhaupt noch ihr Gott? Gehörte das Volk Israel noch zu Gott? Jede Sicherheit war verloren gegangen. Doch es war Ezechiels Hoffnung, dass der Bund Gottes mit seinem Volk nicht zerbrochen wäre. Er vertraute darauf, dass Gott das verstreute Volk aus dem Exil wieder zusammenführen und es sicher in seinem Land wohnen würde. Er glaubte daran, dass ein neuer König über das Volk herrschen und das Volk nach Gottes Worten handeln würde. Er glaubte an den Frieden der Völker untereinander. Vertrauen, Hoffnung, Sehnsucht fasste er zusammen mit den Worten: Ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Ezechiel war sich der Liebe Gottes sicher.
Wir leben in einer anderen Zeit. Aber ich glaube, die Sehnsucht nach Gottes Nähe ist durch alle Jahrhunderte bis heute dieselbe. Wir drücken sie anders aus und erwarten als Zeichen für Gottes Liebe nicht einen neuen König. Aber Gottes Nähe und Treue brauchen wir heute genauso wie die Menschen damals. Und es ist unser Vertrauen, unsere Hoffnung, unsere Sehnsucht, dass für Gott und uns Menschen  der Satz gilt:
Du und ich, wir gehören zusammen, wir sind uns ganz nah, das ist sicher.
Dû bist mîn, ich bin dîn. - des solt dû gewis sîn.
Meike Waechter