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Monatsspruch für März vom 01.03.2017

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. (3. Mose 19,32)

Früher begegnete man alten Menschen mit Respekt. Das Alter wurde geehrt. Ehrfurchtsvoll hörte man auf den weisen Rat der Alten. War es wirklich so?
Heute werden die Alten belächelt und verspottet. Man steckt sie in Heime und kümmert sich nicht um sie. Es zählen nur die jungen, leistungsfähigen Menschen. Ist es wirklich so?
Ich finde, dass in unserer Gesellschaft alten Menschen viel Aufmerksamkeit und Respekt entgegengebracht wird. Die Nachbarn fragen, ob sie vom Einkauf was mitbringen können, Altenpflegerinnen sind freundlich und zugewandt, für Senioren gibt es viele Angebote zur Partizipation, überall entstehen barrierefreie Zugänge für Menschen mit Rollatoren und Rollstühlen. Denn wer jung ist, weiß: Auch ich werde mal alt sein. Und alle ahnen es: Das Alter ist nichts für Feiglinge.
Wahrscheinlich ist der Umgang der Generationen miteinander bei uns heute weniger ritualisiert als in früheren Zeiten. In manchen Kulturen verbeugen sich die Kinder vor den Eltern immer noch oder küssen ihnen zur Begrüßung die Hand. In „besseren Kreisen“ haben Kinder früher ihre Eltern gesiezt.
Dass sich solche Bräuche verloren haben, heißt nicht, dass damit auch der Respekt vor dem Alter abhanden gekommen ist. Jüngere Menschen haben grundsätzlich Respekt vor älteren Menschen, vielleicht sogar heute mehr denn je. Sie gestehen ihnen eine Lebenserfahrung und Weisheit zu, die sie für sich selbst erst noch erwerben müssen. Das ist meinem Eindruck nach die Regel. Ausnahmen gibt es immer.
Mag also sein, dass die Jüngeren nicht mehr automatisch aufstehen, wenn ein graues Haupt das Zimmer betritt. Da haben sich die Sitten geändert. Es sind ja auch längst nicht mehr alle alten Häupter grau. Aber die Jungen hören zu, wenn die Alten was zu sagen haben.
Wie du die Alten ehren sollst, sollst du auch Gott ehren. Das Gebot knüpft beides aneinander, den Respekt gegenüber dem Alter und die Verehrung Gottes. Es will damit nicht weismachen, Gott sei ein alter Mann mit grauen Haaren. Aber es gibt Entsprechungen.
Manche früher üblichen Verhaltensweisen im Gottesdienst sind heute nicht mehr selbstverständlich: dass man beim Betreten einer Kirche den Hut oder die Mütze abnimmt und dass man beim Vaterunser aufsteht. Doch so wie sich alte Menschen mehr geehrt fühlen, wenn man ihnen zuhört als wenn man sich vor ihnen erhebt oder ihnen die Hand küsst, so erweist man auch Gott mehr Ehre, wenn man ihm zuhört, als wenn man beim Betreten der Kirche den Hut zieht. Gottes Worte sind voller Weisheit und Lebenserfahrung und manchmal mutet seine Barmherzigkeit an wie die Milde des Alters. Jürgen Kaiser