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Monatsspruch für Juni vom 01.06.2017

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apostelgeschichte 5,29)

Das ist ein klarer Satz! Eigentlich sogar eine Selbstverständlichkeit. Gott muss man gehorchen. Einem Gott, dem man nicht unbedingt gehorcht, ist auch kein Gott mehr. Und wenn Menschengebot gegen Gottesgebot steht, muss man Gott mehr gehorchen. Dieser Grundsatz war eine Kernüberzeugung der Reformation. Viele Sitten, Gebräuche und Gebote der Kirche wurden „Menschensatzung“ genannt. Gelten sollte nur noch, was Gott geboten hatte, was in der Bibel steht. Man muss Gott mehr gehorchen als dem Papst.
Aber ist das wirklich so einfach mit diesem scheinbar so klaren Satz? Sobald man anfängt, über ihn nachzudenken, ist er gar nicht mehr so eindeutig und selbstverständlich.
Wer Gott gehorchen will, muss sich an das halten, was in der Bibel steht. Sola scriptura, allein die Schrift, wollte die Reformation zum Maßstab ihrer Lehre nehmen. Nur, was aus der Heiligen Schrift herleitbar ist, sollte in der Kirche gelehrt werden und gelten. Das war der Grundsatz aller reformatorischer Strömungen. Es war aber auch so ziemlich der einzige, in dem sie sich einig waren. In vielen anderen Fragen gerieten sie untereinander in Streit. Nicht nur die Lutherischen und die Reformierten, auch die Täufer, die Spiritualisten, die Sakramentarier, die Antitrinitarier und viele andere Splittergruppen, die sich alle auf die Schrift und damit auf Gott beriefen. Luther konnte in den einen Auseinandersetzungen auf den Wortlaut der Schrift pochen und in anderen ganz großzügig über elementare Bibelstellen hinwegsehen, wenn es nicht in seine Theologie passte. So hat er etwa das zweite der Zehn Gebote, das Bilderverbot, als irrelevant für Christen betrachtet.
Allerdings ist das Luther gar nicht vorzuwerfen. Er hat etwas gemacht, was wir alle machen. Es geht gar nicht anders. Jeder ist Kind seiner Zeit. Kein Mensch ist völlig unbeeinflusst von den Werten und dem Denken seiner Zeit. Theologische Aussagen müssen sich zwar immer an der Bibel messen lassen, aber sie werden in den Text ebenso hineingelesen wie sie aus ihm herausgelesen werden. Auch die größten Theologen moderieren nur ein Gespräch zwischen der Bibel und dem Geist ihrer Zeit.
Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Der Satz beschreibt keine Norm für das alltägliche Gespräch mit Gott. Er ist mehr eine Schützenhilfe in den Versuchungen des Satans. Wenn der mit seinem Latein ans Ende der Vernunft gekommen ist und verlangt, Gott abzuschwören, dann musst du dagegenhalten wie Jesus in der Wüste: „Dem Herrn, deinem Gott, allein sollst du dienen.“ (Mt 4,10)
Wenn sie mit ihrem Latein am Ende sind, bringen Politiker in Talkshows bisweilen das Grundgesetz gegen den Koran in Stellung, als sollten die Muslime in Deutschland zur Entscheidung gezwungen werden: entweder sie hören auf das Grundgesetz oder auf den Koran. Würde man sie tatsächlich vor diese absurde Wahl stellen, würden sie sich für den Koran entscheiden - so wie ich mich für die Bibel entscheiden würde, würde man mich vor die dumme Entscheidung stellen: entweder Bibel oder Grundgesetz! Das geht gar nicht anders, wenn man sich selbst und den Gott, an man glaubt, ernst nehmen will. Denn man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber dieser Gott hat noch nie von mir verlangt, dem Grundgesetz abzuschwören, wenn ich ihm treu bleiben wolle. So am Ende mit seinem Latein ist Gott noch lange nicht. Jürgen Kaiser