Zur Textversion

Monatsspruch für Juli vom 01.07.2017

Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung. (Philipper 1,9)

Paulus ist ein großer Liebhaber. Der Apostel liebt die Liebe. Es ist nicht bekannt, dass er Frauen liebte, nicht einmal von einer Frau wäre etwas bekannt. Aber er liebt – seinen Glauben, seine Mission, seine Gemeinden. Vor allem aber liebt er die Liebe. Das merkt man in seinen Briefen. Paulus hat Briefe geschrieben. In diesen Briefen ist viel vom Glauben die Rede und von der Hoffnung. Am meisten aber von der Liebe. Es sind also Liebesbriefe. Die Liebe ist ihm das Liebste überhaupt. Und das höchste. Deshalb hat er der Liebe sogar ein Lied gedichtet, in dem am Schluss genau das steht: dass die Liebe das höchste sei. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Kor 13,13). In diesem Lied besingt er die Liebe als Alleskönnerin: Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. (13,7) Alle anderen Fähigkeiten des Menschen seien eigentlich nichts wert ohne die Liebe. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient, ihnen, die nach seiner freien Entscheidung berufen sind. (Röm 8,28). Paulus weiß auch genau, was die Liebe alles nicht tut: Die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit. (1.Kor 13,4-6). Die Liebe fügt dem Nächsten nichts Böses zu. Des Gesetzes Erfüllung also ist die Liebe. (Röm 13,10) Die Liebe sei ohne Heuchelei! Das Böse wollen wir verabscheuen, dem Guten hangen wir an. In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan, in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor. (Röm 12,9f)
Paulus kann ins Schwärmen geraten, wenn er über die Liebe schreibt. Denn ich bin mir gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Röm 8,38f). Solche und ähnliche Sätze haben ihm den Vorwurf eingehandelt, er sei ein Mystiker der Liebe. Aber das greift zu kurz. Begeistert und euphorisch darf einer klingen, der das Evangelium überzeugend verkündigen will. Aber von Sinnen, außer sich, ekstatisch muss einer deshalb noch lange nicht sein. Paulus verabsolutiert die Liebe nicht. Vielmehr erinnert er an sie vor allem dann, wenn andere etwa die Erkenntnis, die Weisheit oder die Freiheit absolut setzen. Dann wird die Liebe zum nötigen Korrektiv und zur Erinnerung daran, worauf es eigentlich ankommt. Denn zur Freiheit seid ihr berufen worden, liebe Brüder und Schwestern. Auf eins jedoch gebt acht: dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht werde, sondern dient einander in der Liebe! (Gal 5,13) Wir wissen ja, dass wir alle Erkenntnis besitzen. Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf. Wer meint, etwas erkannt zu haben, hat noch nicht erkannt, was Erkenntnis heißt. Wer aber Gott liebt, der ist von ihm erkannt worden. (1.Kor 8,1-3)
Ohne Liebe sind Erkenntnis, Weisheit, Wissenschaft und religiöser Eifer nichts wert oder sogar gefährlich. Umgekehrt ist die Liebe, die aus Gott kommt und die von Paulus gepriesen wird, keine blinde und unwissende Liebe, sondern eine Liebe die reich macht, nämlich an Erkenntnis und aller Erfahrung. Jürgen Kaiser