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Monatsspruch für Juli vom 01.07.2018

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maß der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!
(Hos 10,12)

„America first“, mit diesem Schlachtruf hat ein Egomane das Weiße Haus erobert. Überall auf der Welt kommen Populisten an die Macht, in den USA, in der Türkei, auf den Philippinen, auch in Europa gewinnen populistische Parteien die Wahlen wie in Polen, in Ungarn oder in Italien. „Wir zuerst!“ lautet das Programm der Populisten, eine ebenso simple wie dumpfe Botschaft ohne Inhalt, ohne Vernunft und ohne Gefühl. Sie reaktiviert den uralten Affekt des Egoismus und erweist sich damit als antizivilisatorisch. Denn der erste Schritt zur Zivilisation ist die Erkenntnis, dass man nicht allein auf der Welt ist und der andere nicht ein Objekt zur Vernichtung, vielmehr ein Subjekt ist, wie ich es bin, das leben will und mit dem man sich arrangieren muss.
Dass mit der AfD auch in Deutschland eine populistische Partei in den Bundestag gekommen ist, beunruhigt. Viel beunruhigender aber ist, dass nun auch eine unserer Regierungsparteien aus Angst vor der AfD populistische Reaktionsmuster zeigt. Die CSU bedient in der Flüchtlingsdebatte den gleichen egoistischen Reflex: „Wir zuerst!“ Gegen geballte bayrische Männersprüche wirkt Angela Merkel hilflos, fast auf verlorenem Posten, wenn sie zu bedenken gibt, dass es in der Flüchtlingsfrage keine echten Lösungen geben kann, ohne die anderen (europäischen und außereuropäischen) Länder mit einzubeziehen. Wer heute Politik macht und dabei nicht nur an die eigenen Wähler denkt, sondern auch an die anderen, macht sich unpopulär.
„Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maß der Liebe!“ Die Waage, das Symbol für Gerechtigkeit, zeigt, um was es geht: Zwei Seiten, die zum Ausgleich gebracht werden müssen. „Säet Gerechtigkeit“ ist der Gegenruf zum populistischen Ruf „Wir zuerst!“ Wem Gerechtigkeit am Herzen liegt, verliert die andere Seite nicht aus dem Blick.
Eine Politik der Vernunft sieht immer beide Seiten und bemüht sich um Gerechtigkeit im Sinne eines Ausgleichs berechtigter Interessen. Gottes Gerechtigkeit ist noch mehr: Sie verzichtet ganz auf das Eigene zugunsten des Anderen. Gott hat sich in seinem Sohn ganz dahingegeben, damit wir Menschen leben. Seine Gerechtigkeit sucht nicht einen Ausgleich zwischen Gott und Mensch, sondern verschenkt sich selbst ganz zu unseren Gunsten. Der Prophet Hosea sieht, dass Gott Gerechtigkeit über uns regnen lässt, wenn er kommt. Ein bisschen mehr von diesem gnädigen Regen sollte man vertragen können, wenn man ein „c“ im Namen führt und sich zu Christus bekennt, in dem Gott gekommen ist, um uns gerecht zu machen. Wer Kreuze in Amtsstuben vorschreibt, dem sollte der Grundsatz „Gnade vor Recht“ nicht fremd sein. Denn die Gnade bringt die bessere Gerechtigkeit. Sie wird Liebe ernten.
Vielleicht ist das Wahlvolk in Bayern nicht so populistisch wie die CSU-Häuptlinge denken, am Ende gar christlicher und sozialer als es der CSU lieb ist?   Jürgen Kaiser