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Monatsspruch für Februar vom 01.02.2018

Es ist das Wort ganz nah bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (5. Mose 30,14)

Reden, reden, reden. Eltern und Lehrer, Pfarrer und Politiker, Fußballtrainer und Psychologen haben nur ihre Worte, um auf Kinder, Schüler, Gemeindemitglieder, Wähler, Fußballspieler und Gestresste, Verängstigte und Traurige einzuwirken. Wenn wir andere Menschen motivieren wollen, dann haben wir nichts anderes zur Verfügung als die Wörter und die Sprache. Nur indem wir auf sie einreden, sie bitten, mahnen, überzeugen, argumentieren, werben, im äußersten Fall auch drohen - können wir andere dazu bewegen, etwas in unserem Sinne zu tun. Die Kunst, allein mit Woren zu motivieren, nennt man Rhetorik. Die Worte so wählen und setzen, dass sie zu Herzen gehen.
Reden, reden, reden. Hauen und Schlagen, Prügeln und Treten sind tabu. Physische Gewalt darf man nicht mehr einsetzen, um sich einen anderen gefügig zu machen. Selbst die Träger des staatlichen Gewaltmonopols, Polizisten etwa, dürfen nicht handgreiflich werden, sondern sind angehalten, mit Worten deeskalierend zu wirken. Eine Ansprache halten, nennt man das auch bei der Polizei. Nur wenn ihre Worte das Herz der Angesprochenen nicht erreichen, dürfen Polizisten Gewaltmaßnahmen ergreifen, um größere Gefahren zu verhindern. Aber nur sie. Eltern, Lehrer, Pfarrer und Politiker dürfen solchen „Nachdruck“ nicht anwenden. Wenn ihre Worte das Herz der Angesprochenen nicht erreichen und wirkungslos bleiben, dann müssen sie andere Worte finden und die Ansprache ändern.
All dies ist das Ergebnis eines langen Zivilisationsprozesses, der noch nicht zu Ende ist. Die Menschheit zivilisiert sich, indem sie Gewalt eindämmt, sie ordnet und kontrolliert. Zivilisierung bedeutet, der verbalen Sprache den Vorzug zu geben vor der Sprache der Gewalt. Und seit den „68ern“ sind wir auch sensibel für eine gewaltfreie Sprache, die den anderen nicht einschüchtert, sondern ihm die Freiheit lässt.
Ich überlege, ob das Alte Testament, insbesondere das fünfte Mosebuch, nicht einen entscheidenden Impuls zu diesem Teil unserer Zivilisierung beigesteuert hat. Deutlich gewinnt dort die Überzeugung Gestalt, dass Gott durch sein Wort herrscht. Gott wirkt auf Menschen ein, indem er ihnen seine Worte ins Herz legt. Er hat Mose seine Satzungen, Regeln, Gebote, Verheißungen gegeben - in verständlicher Form, so dass man die Worte beherzigen kann. Keine göttliche Geheimsprache, keine dunklen Orakel, die nur Eingeweihte zu deuten wissen, sondern eine Sprache, die jeder versteht. Das Gebot „ist nicht zu schwer für dich und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es uns und verkündet es uns, damit wir danach handeln können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer und holt es uns und verkündet es uns, damit wir danach handeln können?“ (5. Mose 30,11-13)
Der Gott Israels als Schöpfer und Initiator der Zivilisierung. Ein Gott, der redet, der bittet, mahnt, gebietet, tröstet, lehrt und verspricht. Sonst ist im Alten Testament auch zu lesen, dass Gott unmittelbar und handgreiflich auf die Geschehnisse einwirkt. Aber das 5. Mosebuch stellt uns Gott weniger als Kriegsherr denn als einen Rhetoriker vor. Diese Sicht ist im Laufe der Deutungsgeschichte die vorherrschende geworden. Gott sei Dank!
Reden, reden, reden. Es bleibt Gott und uns nichts anderes übrig. Und das ist gut so!
Jürgen Kaiser