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Monatsspruch für Dezember vom 01.12.2018

Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. (Matthäus 2,10)

Wenn Astronomen mit ihren Fernrohren in den Himmel sehen oder mit ihren modernen Instrumenten das Weltall absuchen, sind sie meist hocherfreut. Oft finden sie neue Sterne. Das Universum ist unglaublich angefüllt mit Materie und mit Antimaterie, voller Energie, doch auch voller Endlichkeit.
Der Jubilar dieses Jahres, Friedrich Schleiermacher, sprach in seinen Reden über die Religion wenig von Gott, dafür viel vom Universum und von der Unendlichkeit. Ohne Zweifel meinte er damit Gott, vermied aber das Wort, um neu von Gott reden zu können, jenseits aller Vorstellungen und Bilder, die wir mit dem Wort Gott verbinden.
Die Astronomen finden täglich neue Sterne, Materie und Antimaterie. Aber Gott und Teufel haben sie noch nicht entdeckt. Obwohl manches von dem, was sie entdeckt haben, einen schaudern lässt und in der Nähe dessen liegt, was wir Gott nennen - oder Teufel - je nachdem. Schwarze Löcher etwa. Das Universum hat Löcher. Es sind Sternengräber. Gestorbene Sterne stehen als pure Materie- und Energiebündel auf und reißen dabei Löcher in Raum und Zeit. Grüße aus dem Jenseits mitten im Universum.
Wir glaubten bislang, nur Gott sei Herr über Raum und Zeit. Doch auch Schwarze Löcher sind so mächtig, dass sie über Raum und Zeit gebieten. Ihre Rolle im Universum wird aber als eher destruktiv empfunden. Sie verdrehen nicht nur Raum und Zeit den Sinn, sie verschlucken auch ganze Sterne, verspeisen Sonnen, die viel größer sind als unsere Sonne. Das ist unheimlich. Wenn Physiker normalen Menschen Schwarze Löcher erklären, fällt schnell das Wort „Monster“. In der Tat wird das Universum von Zombies bevölkert, gestorbenen, aber untoten Sternen, die alles fressen, was ihnen vors Maul kommt. Damit nicht genug: Man geht mittlerweile davon aus, dass im Mittelpunkt jeder Galaxie ein solches Monster hockt.
Es kommt ja nicht mehr oft vor, dass wir noch die Milchstraße sehen, im Urlaub vielleicht. Doch ihr Anblick erfreut mich nicht mehr, seit ich das mit den Schwarzen Löchern weiß. Mich fröstelt, selbst im Urlaub. Früher habe ich mich für Sterne und Astronomie interessiert. Mittlerweile ist mir das unheimlich.
Die Sterndeuter aus dem Morgenland machten keine unheimliche Entdeckung, als sie in den Himmel schauten. Der neue Stern, den sie sahen, verriet ihnen, dass ein neuer König geboren wurde, hier auf Erden. Sie gingen dem nach und fanden - hoch erfreut - den neuen Menschen, nicht im Palast, sondern im Stall, das neugeborene Kind einer einfachen Frau.
Manche glauben, dass jeder Mensch seinen Stern am Himmel habe. Wenn ein Mensch geboren wird, erscheint ein neuer Stern am Himmel und wenn ein Mensch geht, erlischt ein Stern. Das ist ein ganz und gar unphysikalischer und sehr auf den Menschen konzentrierter und doch ein sehr schöner Glaube. Die Sterndeuter wurden hocherfreut, als sie den Stern sahen. Denn sie kamen nach Bethlehem und fanden Gott. Aber nicht in den Sternen fanden sie ihn, sondern als ein Mensch unter den Menschen.
Jürgen Kaiser