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Monatsspruch für April vom 01.04.2019

Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt 28,20)

Mit diesem Satz endet das Matthäusevangelium. Alle Christen müssten ihn schon mal gehört haben. Er wurde bei ihrer Taufe vorgelesen, denn unmittelbar davor erteilt Jesus den Jüngern den Auftrag, alle zu lehren und zu taufen. Aber wahrscheinlich waren die meisten bei ihrer Taufe zu klein, um sich an diesen Satz erinnern zu können.
Als Pfarrer habe ich den Satz schon oft gesagt, bei jeder Taufe, und immer noch irritiert mich etwas an ihm. Er verbindet den elementarsten Trost, der sich denken lässt („Ich bin immer bei euch“) mit der merkwürdig fremden und abständigen Erinnerung, dass die Welt einmal ein Ende hat.
Diese Irritation kommt vor allem durch die Übersetzung Martin Luthers. So wie Luther den Satz konstruiert hat, klingt er sehr feierlich, nicht mehr ganz flüssig, ein wenig abgehackt - ritardando - wie die letzten Takte einer großen Symphonie, in denen sich das Tempo abbremst und in einem letzten strahlenden Schlussakkord zum Stillstand kommt. Dass der strahlende Schlussakkord des Matthäusevangeliums ausgerechnet das Wort Ende ist, hat seinen besonderen Reiz. Die Bibel insgesamt wie auch das Johannesevangelium fangen mit dem Wort Anfang an, das Matthäusevangelium endet mit dem Wort Ende. Das ist aber eine Idee des Übersetzers Luther, die er durch die altertümliche Voranstellung des Genitivobjekts erreicht: ... bis an der Welt Ende, statt: ... bis an das Ende der Welt, wie es im griechischen Originaltext steht. Diese Umstellung bewirkt nicht nur, dass das Wort Ende am Schluss steht, sondern auch, dass uns dieser letzte Satz gerade wegen seines antiquierten Klangs besser im Ohr bleibt.
Allerdings steht da nun am Ende das Wort Ende und meint ja nicht nur das Ende des Evangeliums, sondern das Ende der Welt. Der Trost, dass Jesus immer bei uns ist, wird begrenzt durch die Erinnerung, dass die Welt ein Ende hat. Wieder lohnt ein Blick ins griechische Original. Das Wort, das dort steht, hat deutlich mehr die Bedeutung von „Vollendung“ als das deutsche Wort „Ende“. Die Welt erwartet also nicht ihr Ende, indem sie vernichtet wird und wieder in das Nichts oder das Chaos zurückfällt, aus dem sie von Gott einst gerufen wurde, sei es durch Befehl, sei es durch Urknall. Die Welt darf vielmehr ihre Vollendung erwarten. Sie kommt einmal an das ihr von Gott gesetzte Ziel.
Wie die von Gott vollendete Welt aussehen wird, entzieht sich unserem Wissen. Dennoch können wir uns darüber ins Bild setzen mit Hilfe der mythischen Angebote der Bibel. Eine vollendete Welt könnte wie ein Garten sein, wie er am Anfang der Bibel geschildert wird, in dem die Menschen unbefangen leben und Gott beim Spaziergang in der Abendkühle treffen, ohne sich zu erschrecken (1. Mose 3,8). Oder sie ist wie eine Stadt wie am Ende der Bibel, in der Gott als freundlicher Nachbar im Zelt wohnt (Offb 21,3). Die Welt könnte dann als vollendet betrachtet werden, wenn nicht mehr Jesus Christus bei uns sein wird, sondern Gott selbst unmittelbar bei uns ist - so selbstverständlich wie in dieser Welt nicht einmal der uns allerliebste Mensch es sein kann. Da wäre niemand mehr einsam und verloren. Jürgen Kaiser