Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein
Leben für seine Freunde hingibt. (Joh 15,13)
Dieser Satz könnte von Marcel Reich-Ranicki sein. Literaturkenner wissen um den Zusammenhang von Liebe und Tod. Es ist ein Grundmotiv der abendländischen Literatur: Der Tod als Erweis der Liebe oder als einziger Ausweg einer unmöglichen Liebe oder als stellvertretender Tod aus Liebe, durch den das Leben anderer gerettet wird - Variationen eines unerschöpflichen Themas.
Der Satz stammt aber nicht von Reich-Ranicki sondern aus dem Johannesevangelium. Ein alter Satz, der zeitgemäß klingt, ist ein zeitloser Satz. Er scheint eine Wahrheit auszusprechen, die zeitlos ist und die ewige Gültigkeit beanspruchen kann. Im Kontext des Johannesevangeliums spielt der Satz unüberhörbar auf eine konkrete Liebe und einen bestimmten Tod an: den Tod des Jesus von Nazareth. Mit diesem Satz bietet das Johannesevangelium eine Deutung des Todes Jesu an, die sich unserem heutigen Verständnishorizont leichter erschließt als viele andere, die im Neuen Testament gegeben werden.
Bisweilen wird der Tod Jesu am Kreuz in kultischen Kategorien gedeutet. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Jesu Tod ein Opfer genannt wird (Hebr 9- 10; 1.Kor 5,7) und wenn von seinem Blut gesprochen wird (Röm 3,25; Mk 14,24); wenn dagegen vom Lösegeld die Rede ist (Mk 10,45), läuft die Deutung in ökonomischen Bahnen; an anderen Stellen - vor allem bei Paulus - bedient sich die Deutung des Todes Jesu rechtlicher Kategorien; dann hat sein Tod etwas mit dem Gesetz zu tun (besonders Gal 3,10-14). All diese Erklärungsversuche gehen davon aus, dass durch den Tod Jesu die kosmische Ordnung wieder ins Lot gebracht worden ist. Im Grunde ist uns neuzeitlichen Menschen solch ein Denken fremd geworden. Darum tun wir uns heute mit solchen Erklärungen schwer.
In anderen Bahnen verläuft die Deutung in jenem Satz aus dem Johannesevangelium: Statt von Opfer und Blut, von Sühne und Gesetz spricht Johannes von der Liebe. Damit wird der Tod Jesu in ein Beziehungsgeschehen eingeordnet. Auch ist hier nicht davon die Rede, dass Gott seinen Sohn dahingegeben hat, sondern davon, dass Jesus selbst sein Leben hingegeben hat für seine Freunde zum Erweis seiner Liebe. Zwar übersteigt auch diese Deutung den Horizont unserer alltäglichen Beziehungsroutine. Dass Menschen ihr Leben aus Liebe hingeben, erleben wir nur in der Literatur oder im Kino, aber kaum im wirklichen Leben. Wenn wir allerdings glauben, dass der Tod Jesu einen Sinn hatte, dann werden wir auch zugeben, dass sich dieser Sinn aus der Banalität des Alltags herausheben muss. Jesu Tod als eine Hingabe und als den Erweis einer einzigartigen Liebe zu verstehen, das ist immerhin ein Ansatz, dem es nicht so schwer fallen wird, unseren Glauben zu finden.
In der Passionszeit und insbesondere in den Gottesdiensten am Karfreitag (2. April) werden wir weiter über Jesu Lebenshingabe nachdenken. Und dann wird auch die Liebe ins Spiel kommen. Jürgen Kaiser

