Aus der Generalversammlung
...gibt es dieses Mal nur weniges zu berichten. DieTheologische Einleitung von Pfarrerin Waechterblickte nochmal auf Ostern zurück und ging anhandvon Joh 21 der Frage nach, wie der Auferstandene zuerkennen war. Es sind Gesten und Zeichen, die in denJüngern die Erinnerung an erste Begegnungen mitihm wachriefen, das Fischen im See, das gemeinsameEssen und anderes mehr. Dies ist auch der Kern derAbendmahlsfeier im Urchristentum, wie wir in derkleinen Gesprächsrunde zum Thema an zwei Abendenim Mai herausgefunden haben.
Ausführlich haben wir dann die Entwürfe für den neu gestalteten Briefbogen und für Visitenkarten besprochen.Unser neues Logo, das wir demnächst auchin dieser Zeitung vorstellen werden, macht sich auf beidem recht gut. Hinsichtlich der neuen Website habenwir beschlossen, parallel zur “regulären” Website eine reine Textversion einrichten zu lassen. Diese kommt vor allem den Nutzern mobiler Endgeräte sowie denen zugute, die am PC auf Sehhilfen oder Vorleseprogramme angewiesen sind.
Wie schon in der letzten Ausgabe berichtet, wurdeunsere Asylwohnung wieder in eine reguläre Mietwohnung umgewandelt. Der Verein Hatun & Can hatwegen der gegen seinen Vorsitzenden laufenden Ermittlungen offenbar seine Vereinstätigkeit eingestellt.Unsere Bemühungen, mit dem Verein einige Fragen in Bezug auf die Nutzung unserer Wohnung zu klären,waren bislang erfolglos.
Als nächstes haben wir über die Auswertung des reformierten Gemeindetags im November letzten Jahresgesprochen, in dem es um die Zukunft unseres Kirchenkreisesging. Angesichts der zu erwartenden Pfarrdienst reduzierungen sollte vor allem der ehrenamtliche Predigerdienst gefördert, mehr in Anspruch genommen und besser koordiniert werden. Für dieKreissynode am 5. Juni in Köpenick wurden als Synodale Dr. Krämer und Pfr. Dr. Kaiser berufen.
Auf unserem Kirchhof in der Liesenstraße zeichnet
sich ein Ende der Verschönerungsarbeiten ab. In der alten Kapelle wird mit Lottomitteln eine Theodor-Fontane-Gedenkstätte eingerichtet. Die zuständige Architektin hat als Tag der “Einweihung” den 20. September vorgeschlagen. Obwohl das ein Montag ist, schien uns das Datum deshalb passend, weil es der 112. Todestag Fontanes ist, der in der Liesenstraße begraben liegt.
Als Festpredigerin fürs Refugefest wurde Pfarrerin Katrin Oxen von der reformierten Gemeinde in Bützow vorgeschlagen, die inzwischen zugesagt hat. JK
Mitarbeiter im Portrait
„Mit ganz ganz viel Herz dabei“
Seit vier Jahren ist Jutta Ebert die diakonische Mitarbeiterin der Gemeinde. Von Geburt an reformiert hat sie nach zwanzigjähriger Tätigkeit als OP-Schwester die grünen Kittel mit dem Auto getauscht. Der Pflege und Seelsorge der Menschen ist sie jedoch treu geblieben. Über Ihre Arbeit sagt sie: „Von dem was ich gebe, kriege ich sehr viel zurück.“
Vor allem geht es bei den Begegnungen um das
Thema Zeit. Zeit füreinander haben, Zeit miteinander verbringen, von der Zeit erzählen, die Zeit verändern.
Dies schlägt sich in den Geschichten nieder, die sie zu hören bekommt, über das, was früher war: im Osten, im Westen, im Ost- und im Westteil von Berlin, in den Familien. Die Menschen erzählen viel, schütten ihr Herz aus. Im Teilen von Freud und Leid baut sie eine Beziehung auf, wird manchmal fast ein Familienmitglied. „Das Schöne ist, dass es so individuell ist
und dass man wie eine Medizin ist. Jeder wartet drauf, dass ich komme.“ Neben den Besuchstätigkeiten, die monatlich oder öfter sowie zu den Geburtstagen stattfinden, gibt Frau Ebert Denkanstöße, neue Ideen, animiert. Außerdem gehören der Dienst am Telefon und der Fahrdienst ebenso zu ihrer Beschäftigung wie auch die Seelsorge und die Begleitung zum Arzt.
Ich persönlich frage mich immer, was mit den Predigten passiert, die ich im Laufe einer Woche kopiere, und hoffe dann, dass die Touristen diese auch lesen und nicht gleich in den Papierabfall werfen. Nun, Frau Ebert klärte mich auf und sagte, dass sie häufig eine Predigt den Leuten mitbringe. Viele Menschen bedanken sich bei ihr ob ihrer Fürsorge. Der
Dank gibt ihr Mut und Stärke. Die Kraft für die Arbeit schöpft sie durch die Familie, einen guten Freundeskreis und den Dienstbesprechungen mit den Pfarrern.
Aber auch ihr ehrenamtliches Engagement im Presbyterium in Köpenick und die Arbeit mit Kindern in der dortigen Gemeinde ist ein Ausgleich zum Arbeitsalltag. Als eines der schönsten Erlebnisse schildert Sie mir, wie sie es geschafft hat, mit einer Frau im Rollstuhl aus deren Wohnung zu gehen. „Damit hat die Frau Mut gefasst, dann auch mal mit einem Schiebedienst raus zu gehen, so dass sie dann mehr am öffentlichen Leben teilhaben konnte.“ - „Was ich überhaupt nicht mag: Stau mag ich überhaupt nicht, da könnte ich ins Lenkrad beißen.“ Sie kennt zwar viele Straßen und Schleichwege durch dir Stadt, aber jede Straße in Berlin kennt auch sie nicht. „Bei mir sind Sie nie vor Überraschungen sicher“, gibt sie mir noch mit auf den Weg. Nun ich bin
gespannt. Katja Weniger
Pfarrer Yo Ludwig - dankbares Gedenken an
einen „Brückenmenschen“
Im Alter von 70 Jahren ist Yo Ludwig, Pfarrer der Reformierten Kirche Frankreichs, am 28. März 2010 in Grenoble nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Noch wenige Monate zuvor machte er Pläne
und schien, wie üblich, voll engagiert im internationalen kirchlichen Austausch, der ihm auch im „Ruhestand“ am Herzen lag. Für Viele, die ihm freundschaftlich zugetan waren, in Frankreich und in Deutschland, kam die Nachricht von seinem Tod überraschend. Yo Ludwig hinterlässt eine spürbare Lücke: seine menschliche Präsenz bei den vielen Besuchergruppen, die er führte, seine werbende Ausstrahlung als „Kirchendiplomat“, sein Einsatz für eine gerechtere Welt, insbesondere bei oikocredit und der CIMADE, sein Sinn für lebendige Geschichte im Bereich der „Musées protestants“, nicht zuletzt aber sein langjähriges Wirken als Gemeindepfarrer ist in vielen Erinnerungen gegenwärtig.
Auch Berlin verdankt ihm viel. Aus einer deutschfranzösischen Familie stammend, war Joachim Ludwig der geborene „Brückenmensch“. Dass ihn alle nur „Yo“ nannten, war wie ein Kürzel für sein geselliges Wesen. In seiner Funktion als Beauftragter für internationale Beziehungen der Reformierten Kirche Frankreichs und als Sekretär der CEEEFE setzte er sich dafür ein, französischsprachiges protestantisches Gemeindeleben in Berlin zu sichern und zu entwickeln. So gehört er zu den Geburtshelfern der Communauté protestante francophone.
In den wichtigen Aufbaujahren nach dem Weggang der Alliierten (1994) war für mich als französischsprachigen Pfarrer vor Ort der regelmäßige Kontakt zu Yo Ludwig immer hilfreich und ermutigend. Wir kannten uns schon länger, aus der gerade in Fragen der Gemeindeentwicklung sehr dynamischen Region Ost der Eglise Réformée de France, in der Yo Pfarrer in Reims-Epernay und ich in Besançon war. Diese gemeinsamen Bezüge zu der von dem späteren Präsidenten des Protestantischen Kirchenbunds Frankreichs, Jacques Stewart, propagierten Strategie einer ökumenisch, kulturell und sozial offenen, missionarischen Kirche in der Diaspora, waren wertvoll: wir dachten und wirkten in die gleiche Richtung, ohne das lange erklären und rechtfertigen zu müssen.
Bis hin zu der Vereinbarung, die den Status der Communauté protestante francophone in der Französischen Kirche zu Berlin regelt und die auf einem von Yo Ludwig konzipierten und von der EKD angenommenen Modell beruht, trägt das Miteinander in der Französischen Kirche bis heute auch seine Handschrift. Dass dieses Miteinander möglich wurde, trotz einer zunehmend schwierigen gesamtkirchlichen Situation in den neunziger Jahren, und dass es heute vor allem als Bereicherung und Verstärkung erfahren wird, hat Yo Ludwig sehr gefreut.
Otto Schäfer
Zinzendorf
Vor zweihundertfünfzig Jahren, am 9. Mai 1760, starb Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf eine der originellsten, freiesten und heitersten Gestalten in der Geschichte der Kirche. Geboren wurde er am 26. Mai 1700 in Dresden. Er entstammte einer protestantischen österreichischen Adelsfamilie, die unter dem Druck der katholischen Habsburger das Land verlassen hatte. Im Alter von zehn Jahren wurde er Internatsschüler in den Anstalten August Hermann Franckes in Halle. Der war einer der wichtigsten und wirksamsten Vertreter und Verbreiter des Pietismus einer Bewegung, die der damaligen Theologie und Kirche vorwarf, Luthers befreienden Entdeckungen in ein starres und trockenes System von lauter Richtigkeiten gepresst zu haben, die niemandem helfen, niemanden trösten und wärmen, berühren oder bewegen. Gegenüber der Lehre betonten die Pietisten das Leben und Erleben, auch die Gemeinschaft, setzten auf Herzen, nicht auf Köpfe. Die etwas gröbere Gegenüberstellung von Kopf und Bauch ist neueren Datums, zielt aber natürlich in ähnliche Richtung.
Von dieser Strömung war Zinzendorf stark geprägt, aber von Franckes Welt wandte er sich ab, hat sie später kritisiert und verspottet. Das war ihm alles zu ernst, zu düster, zu eng, selbst erstarrt in methodischen und pädagogischen Regeln: da musste jeder Bekehrung ein genau beschriebener Bußkampf vorausgehen, man führte über die eigene Frömmigkeit (Tage)buch, fühlte sich religiös den Puls. Und wenn man Bilder von Franckes Anstalten mit denen späterer Zinzendorfscher Siedlungen vergleicht, sieht man tatsächlich auf der einen Seite düstere drückende Kasernen, auf der anderen helle heitere verspielte Rokoko- Häuschen.
Zinzendorf hat später den Grundsatz aufgestellt:
kein Christentum ohne Gemeinschaft, hat auch immer Gruppen und Kreise um sich gegründet, aber die für sein Leben wichtigste Gemeinschaft hatte er nicht gesucht: Böhmische Glaubensflüchtlinge, Erben der hussitischen Reformation, suchten und fanden Aufnahme auf seinem Grund und Boden. So entstand Herrnhut - eine Art Kibbuz, ein Experiment gemeinsamen Lebens. Da kam die Tradition einer Arme-Leute-Kirche mit Zinzendorfs Art des Pietismus zusammen, und es trug zur Experimentierfreudigkeit bei, dass damit zugleich, mitten im Zeitalter des aufsteigenden Bürgertums, zwei Spielarten nichtbürgerlichen Christentums zusammenkamen, eine von oben, eine von unten. Diese kleine Gemeinschaft sandte Missionare in alle Welt (auch in der Missionspraxis unterschied sich Herrnhut stark von Halle), die neue Gemeinden gründeten.
Zinzendorf griff ein, wenn auch seine neue Gemeinschaft zu erstarren drohte, zu ernst wurde. Er fand und erfand dauernd neue Anlässe, Feste zu feiern, produzierte dafür rasch Kantaten und kunstvolle Illuminationen, schrieb überhaupt ungeheuer viele Lieder (viele davon sind, möglicherweise zu Recht, vergessen) manchmal schrieb er noch paar Strophen dazu, während die Gemeinde schon den Anfang sang.
Auch die Praxis, in Herrnhut bei wichtigen Entscheidungen das Los zu werfen (neben einem Ja- und einem Nein-Los gab es auch noch ein neutrales - man wollte Gott nicht die Pistole auf die Brust setzen), hielt beweglich. Die inzwischen weltweit und auch in unserer Gemeinde verbreiteten Losungshefte entstammen dieser Praxis.
Vieles an Zinzendorfs Theologie ist heute noch oder wieder aktuell. Lange vor jeder feministischen Theologie nahm er ernst, dass das hebräische Wort für Geist weiblich ist, sah darum im heiligen Geist die weibliche Seite Gottes, Gott als Mutter neben Gott als Vater. Er war von großer ökumenischer Offenheit, wollte auch keine neue Kirche gründen, sondern meinte, die Böhmen sollten hussitisch bleiben, die Lutheraner lutherisch und die Reformierten reformiert, aber in der Brüdergemeine zusammenleben - Gemeinschaft von Verschiedenen. Offen war er auch in der Begegnung mit Juden und mit der Aufklärung. Zwischen Luther und Karl Barth war er der einzige, der mit allgemein- religiösen Vorstellungen von Gott nichts anfangen konnte und auch nicht anfing, sondern alles, was sich über Gott und die Menschen wissen und sagen ließ, in der Person Jesus Christus konzentriert fand. Seine Liebe zu Jesus, seinem Heiland, stand von vornherein fest, vor jeder Theologie. Aber er fand die Vorstellung schrecklich, Jesus habe sich geopfert, um einen zornigen Gott, der offenbar Blut sehen wollte, versöhnlich zu stimmen. Seine Gegen-Theologie setzte an bei dem Stichwort „Lösegeld“, mit dem Jesus seinen Tod deutet. Lösegeld zahlt man einem Sklavenhalter, um einen Versklavten freizukaufen. Dieser Sklavenhalter kann nicht Gott sein, sondern muss eine feindliche Macht aus Sünde, Tod und Teufel sein. Diese befreiende Entdeckung führte dazu, dass für Zinzendorf die Kreuzigung und insbesondere das vergossene Blut Jesu ausgesprochen positive Bedeutung gewannen. Eine Art Kult mit z.T. seltsamen Zügen entstand - erotischen, aber auch mit Anklängen an eine Ästhetik des Hässlichen.
Zweifellos war vieles, was Zinzendorf in seiner spontanen Art an Worten und Taten hervorbrachte, auch verrückt. Aber unsere heutige Kirche und Theologie hat ja viel zu wenig Verwegene und Verrückte. Unserer angegrauten Kirche täte es gut, vom heiteren Anarchismus des Grafen inspiriert zu werden.
Matthias Loerbroks
Unsere Kirchhöfe
Lange mussten wir nun warten auf den Frühling, auf wärmende Sonnenstrahlen und den Duft und die Farben der Blumen, Sträucher und Bäume. Wie auf den Frühling, so warten wir auch gespannt auf die Fertigstellung der neuen Wegeführung und der Neuanpflanzung des Hauptweges mit Lindenbäumen auf unserem Kirchhof in der Liesenstraße. Die restaurierten alten Wandgräber sind jetzt mit dauerhaften immergrünen Bodendeckern bepflanzt, die alte Kapelle bekommt ein neues Dach und wird mit Eröffnung der Fontane-Ausstellung den Kirchhofbesuchernund der Gemeinde zur Verfügung stehen.
Der Kirchhof in der Liesenstraße stellt sich in diesem Jahr für den “Tag des Denkmals” vor, es wird eine Führung angeboten, die die Geschichte der Grabstätten und des Kirchhof aufgreift sowie die Arbeiten an den nun wieder im neuen Glanz erscheinenden Gräbern erklärt. Er findet wie jedes Jahr im September statt, den genauen Termin geben wir noch bekannt. Kai Mattuschka

