Der Protestantismus in Frankreich bis zum Edikt von Fontainebleau
(Zusammenfassung für das Refugefest 2005 in der Französischen Friedrichstadtkirche)
Das 16. Jahrhundert in Frankreich war geprägt von inneren Auseinandersetzungen, die zugleich um die Macht im Land als um die Konfessionen geführt wurden. Im Süden, besonders im Südwesten, breitete sich die Reformation aus, gefördert und gefordert von Margarete von Navarra und ihrer Tochter Jeanne d’Albret, beide souveränen Königinnen von Navarra, die erste eine Schwester König Franz I, die andere verheiratet mit Anton von Bourbon, Prinz Condé und „Erster Prinz Frankreichs von Geblüt“, das heißt: Thronanwärter für den Fall, dass das herrschende Haus Valois aussterben würde. Dieser Anton von Bourbon lebet von seiner Frau getrennt; der Grund der Heirat, Navarra nach Frankreich einzuverleiben, ließ sich nicht erfüllen.
Auf der einen Seite breitete sich der Protestantismus aus, auf der anderen Seite bekämpfte der König ihn im Inneren heftig (außenpolitisch hielt er es gegen den Kaiser mit protestantischen Mächten). Scheiterhaufen brannten, über 600 Protestanten kamen auf Galeeren, 30 Waldenserdörfer im Lubéron wurden zerstört, dabei 3000 Menschen getötet...
Dennoch verbreitete sich, besonders nach 1551 unter Genfer Einfluss, der reformierte Protestantismus sehr schnell; es bildetet sich überall neue Gemeinden mit Gemeindeordnungen nach Genfer Vorbild; 1559 wurde in Paris die erste Nationalsynode mit Annahme der Confession de foi und der Discipline écclésiastique abgehalten. Mehr und mehr bedeutende Adlige kamen dazu wie Gaspard de Coligny, der bald der politische und später militärische Führer der Bewegung wurde. Auf der anderen Seite versuchte die katholische Liga der lothringischen Herzöge von Guise über das Königshaus Macht zu gewinnen. Im Land gab es tätliche Übergriffe sowohl von Protestanten gegen Katholiken als umgekehrt; eine Beschwichtigungspolitik der Regentin Katharina von Medici, die für ihren dritten Sohn Karl IX regierte, half nicht viel, und es kam 1562 zum Bürgerkrieg. Der wurde heftig und erfolglos geführt, bis beide Seiten hoffnungslos pleite waren und 1570 den Frieden von St. Germain-en-Laye schließen mussten. Die Reformierten oder Hugenotten, wie sie nun genannt wurden, bekamen befestigte Städte, die wichtigste La Rochelle, und die Erlaubnis, in jedem Landesbezirk an zwei Orten Gottesdienst zu halten – außer in und um Paris.
Die Hochzeit von Heinrich von Navarra – Sohn der Jeanne d’Albret – mit einer Schwester des Königs sollte den Frieden besiegeln. Es war eine katholische Trauung, aber der Bräutigam verließ die Kirche vor der Messe. Im Anschluss daran kam es zur Bartholomäusnacht, die Nacht des großen Mordens an den zur Hochzeitfeier in Paris versammelten Hugenotten. In Paris schätzt man 3.000 Ermordete, unter ihnen Gaspard de Coligny, in der Provinz über 10.000. Heinrich wurde, um sein Leben zu retten, katholisch – bis es ihm gelang, aus Paris zu fliehen. Zunächst zog er sich zurück, wurde aber dann der Führer der protestantischen Bewegung und auch ihr Feldherr im wieder aufbrechenden Bürgerkrieg. Doch bevor er 1594 als Sieger nach Paris einziehen konnte, war er demonstrativ zum Katholizismus zurückgekehrt – die einzige Möglichkeit, Frankreich den Frieden zu bescheren.
Um diesen Frieden über seine Lebenszeit hinaus zu verlängern, erließ er 1598 als König Heinrich IV das Edikt von Nantes, das keineswegs eine Sache aus einem Guss war, sondern ein Konvolut von allgemeinen Bestimmungen und sehr vielen, zum Teil widersprüchlichen Einzelbestimmungen und Ausnahmen. Es sicherte aber den Reformerten feste Orte und freie Religionsausübung zu – nicht allerdings an den Sitzen katholischer Bischöfe. Nach dem Urteil des Historikers Eckart Birnstiel (Toulouse) schreibt es ein katholisches Frankreich mit Übergangsbestimmungen für die protestantische Minderheit fest. Heinrich wurde am 14. Juli 1610, einen Tag nach der Krönung seiner zweiten Frau, Maria von Medici, einer militanten Katholikin, ermordet, die damit die Regentschaft für den minderjährigen König Ludwig XIII. antreten konnte.
Um Interpretation und Erfüllung des Ediktes von Nantes wurde es im Folgenden nie ruhig. Insbesondere die Jesuiten hetzten, waren aber auch in der katholischen Bevölkerung nicht sonderlich beliebt.
Der einflussreichste Politiker unter Maria von Medici und Ludwig XIII war Kardinal Richelieu. Er ließ aus politischen Gründen das Edikt von Nantes unangetastet. Die von ihm 1628 veranlasste Belagerung und Eroberung von La Rochelle geschah wegen einer englischen Militärunterstützung – bald nach dem Sieg wurden die alten Rechte wieder hergestellt.
Das änderte sich radikal unter Ludwig XIV, sowie dieser selber die Regierung übernahm:
1661 wurden die reformierten Synoden verboten; zugleich durften die Reformierten keine Kirchensteuern mehr erheben. Es wurden die reformierten Gymnasien geschlossen. Reformierte konnten nicht mehr Gerichten angehören und bald auch nicht mehr den Zünften – eine etwa in Lyon und anderen Städten kaum durchführbare Sache.
1663 wurde ein Edikt veröffentlicht, das den zum Katholizismus konvertierten Reformierten verbot, die getroffene Entscheidung rückgängig zu machen.
Im August 1669 wurde den Reformierten die Emigration verboten.
1679 wurden in mehreren Erlassen die zum Katholizismus konvertierten Reformierten mit hohen Strafen belegt, wenn sie rückfällig und abtrünnig wurden, und die öffentliche Abschwörung, zu der Reformierte mit wachsendem Druck genötigt wurden, bis in das letzte Detail regelt.
Im Juni 1680 wurde Katholiken per Edikt untersagt zur reformierten Religion überzutreten.
Ab 20. Februar 1680 durften Reformierte nicht mehr als Hebammen arbeiten.
Im November 1680 wurden die Richter aufgefordert, kranken Reformierten einen Besuch abzustatten, um sie zu „bekehren“.
1681 verschärfte der Intendant Marillac im Poitou die Maßnahmen gegen die Reformierten. Man suchte die Reformierten durch Truppeneinquartierungen unter Druck zu setzen („Dragonaden“). Die Dragoner waren wegen ihrer Rohheit besonders gefürchtet, weil sie oft samt ihren Pferden in die Häuser eindrangen und auf Kosten ihres Wirts lebten, das Mobiliar zerschlugen, Wertsachen mitnahmen und selbst Frauen und Kinder nicht schonten. Es wird berichtet, dass im Juli 1685 innerhalb von acht Tagen mehr Reformierte durch Dragoner „bekehrt“ wurden als durch katholische, besonders jesuitische Missionare im Lauf eines Jahres.
Am 31. Januar 1681 legte der König fest, dass unehelich geborene Kinder von Reformierten im katholischen Glauben zu erziehen seien.
Im April 1681 wurde bekannt gegeben, dass zum Katholizismus übergetretene Reformierte zwei Jahre lang von Truppeneinquartierungen verschont bleiben.
Am 17. Juni 1681 ordnete der König an, dass die Kinder von Reformierten bereits mit sieben Jahren zum Katholizismus übertreten können und reformierte Eltern nicht das Recht hätten, ihre Kinder im Ausland erziehen zu lassen.
Ab 15. Juni 1682 durften Reformierte nicht mehr als Notar, Staatsanwalt oder Polizeibeamter arbeiten
Ab 16. Juni 1682 konnten Reformierte weder Beisitzer noch Gerichtsdiener sein
Am 21. August 1684 wurde den Reformierten die Möglichkeit genommen als Gutachter zu arbeiten.
Am 6. August 1685 wurde den Reformierten verboten, sich als Arzt zu betätigen.
Am 10. August 1685 wurde den Reformierten der Beruf des Notar- oder Rechtsanwaltsgehilfen und des Rechtsanwalts verboten.
(Man beachte bei diesen sich fast überstürzenden Erlassen die Parallele zu den Judengesetzen in Deutschland nach 1933!)
Am 17 Oktober 1685 erfolgte in Fontainebleau die Widerrufung des Edikts von Nantes mit den Folgen der Vertreibung der Prediger, der Zerstörung aller Tempel, der Verfolgung allen evangelischen Gedankengutes; bleibende, entdeckte Prediger und bei der Flucht festgenommene Reformierte wurden zur Galeere verurteilt, es begann eine jahrelanger Guerillakrieg in den Cevennen.
T. Hachfeld, unter Verwendung von Vorarbeiten von G. R. d’Heureuse
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